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Ein Neues Leben

Wie einige sicherlich schon mitbekommen haben, sind wir nicht mehr im Iran, auch nicht in der Türkei oder in den schönen Ländern Osteuropas unterwegs, sondern zurück im schönen Sachsenland. Sträflicherweise ist die Berichterstattung ein klitzekleinwenig zu kurz gekommen, doch auch hier gilt: “Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.” Nur kann es noch etwas dauern, bis die restlichen Bilder sortiert, die Erinnerungen geordnet sind und der Wille zur Tat (in diesem Fall “Blogschreiben”) vorhanden ist.

Zurück im zentralen Europa vereinnahmt uns der allseits bekannte, an Alltäglichkeit kaum zu überbietende Alltag… Nichts dazugelernt? Wir werden sehen…

Trotz vorheriger Nachfrage fehlen uns bei der Ausreise aus Turkmenistan natuerlich wieder irgendwelche immens wichtigen Papiere und von der oberen Grenzbeamtin wird eine Durchsuchung unseres Gepaecks angeordnet. Dank stinkiger Taschen faellt diese allerdings recht ungruendlich aus…

Die Einreise in den Iran macht einen weitaus profesionelleren Eindruck als all die irgendwie willkuerlichen Prozedere in Zentralasien. Dafuer sind die grenznahen Orte unglaublich vermuellt und staubig…. Nachdem wir in den letzten Monaten gut mit Russisch zurecht kamen, stellt uns die hiesige Sprache, Farsi (Persisch), auf eine harte Probe…

Die Rechnung fuer unsere erste Mahlzeit im neuen Land, Kebap und Cola, will gleich einer der wenigen Imbiss-Gaeste uebernehmen – ein erster, kleiner Vorgeschmack auf das, was uns irgendwann aus dem Land treiben soll….

Schon seit 50 Kilometern strampeln wir durch iranischen Gegenwindstaub, 130 Tageskilometer machen sich in den Beinen bemerkbar, der Tag neigt sich seinem Ende entgegen und wieder einmal haelt einer der riesigen Trucks an. Der Unterschied diemal: wir fahren einfach mit. Mal schauen, wo es hingeht… Abbas fungiert ab sofort als unser Fahrer, Farsi-Lehrer, Koch und Beschuetzer, teilt staendig Tee und Bonbons aus… Es ist eine Wohltat, im klimatisierten LKW durch die Landschaft zu fliegen…

So kommen wir gut voran, begegnen interessanten Menschen und tauchen fuer einmal in eine andere Art des Reisens ein… Nach der Erfahrung in Turkmenistan wollen wir nicht im Hochsommer durch die Wueste radeln…

Nach einigen hundert Kilometern mit Abbas, einer Nacht in seinem leeren Anhaenger und  einem Besuch bei seiner Familie laedt er uns am Busbahnhof ab, ersteht zwei Tickets fuer uns, handelt den Preis fuer die Fahrraeder aus und entlaesst uns schliesslich mit Blick auf unseren neuen Chaffeur mit den Worten:

„Er ist ein guter Fahrer!“ Die Begruendung folgt auf dem Fusse:  „Er faehrt sehr schnell!“

Der Iran ist definitiv eines der Laender auf unserer Reise, die uns sehr positiv ueberrascht, aber auch stark gefordert haben. Die Menschen sind ueberaus nett, neugierig, mitteilungsbeduerftig und immens gastfreundlich – so sehr, dass es uns an den Rande der Verzweiflung treibt. Geraet man erstmal in die „Faenge“ einer Familie, wird man seines Schlafes und seiner Muendigkeit beraubt und es Bedarf jeder Menge Zeit und Ueberzeugungskraft, wieder aufbrechen zu duerfen. Wir werden mit Nettigkeiten, Geschenken und Aufmerksamkeit so ueberhaeuft, dass wir zu ersticken drohen…

Der Iran ist das Camping- und Picknickland schlechthin. Darin scheinen sich alle einig zu sein. Ueberall stehen die bunten Popup-Zelte und Gasbrenner herum, riesige, super gepflegte Parkareale stehen fuer den grossen Ansturm iranischer Familien zur Verfuegung, Stadtzentren werden am Abend und vor allem am Wochenende zu Campingplaetzen umfunktioniert – das Leben spielt sich draussen ab. Trotzdem schaffen wir es selten, eine ungestoerte Nacht in unserem „Gruenen Palast“ zu verbringen. Werden wir gesehen, wie wir heimlich, still und leise unsere mueden Haeupter zur Ruhe betten wollen – ist es um ebendiese auch schon geschehen. Einladung folgt Einladung und ein verzweifeltes „Nein, bitte nicht!“ unsererseits stoesst auf taube Ohren wohlmeinender Buerger… Die Abende gestalten sich also, mit leichten Variationen, oft so: Die Sonne droht damit, unterzugehen und zwingt uns, irgendwo einen Unterschlupf vor der daraus resultierenden Nacht und ihrer Unannehmlichkeiten zu finden. Die von uns befahrenen Gegenden sind selten menschenleer. Das Land oft kultiviert – also in Privatbesitz. Entweder spricht man uns gegenueber nun direkt Einladungen fuer die Nacht aus, oder erteilt uns, vorerst, die Erlaubnis, auf privatem Grund unter den Obstbaeumen, das Zelt aufzuschlagen. Ist das ersteinmal geschehen, werden wir innerhalb einer Stunde verbal so weich geklopft, dass wir uns geschlagen geben und doch im Haus, in der Obhut der Familie, naechtigen..

Vor dem Schlaf allerdings kommen noch: „Das grosse Fressen“, „Das exzessive Teetrinken“ und „Die Familieneinfuehrung“. Letzteres passiert jedes Mal und immer erst nach Mitternacht. Dazu haengt sich das meist weibliche Oberhaupt der Familie ans Telefon und ruft nacheinander den gesamten Grossfamilienklan der naeheren Umgebung zusammen. Diese finden sich mit Kind und Kegel und noch mehr Essen im Gepaeck zu vorgerueckter Morgenstunde ein und begutachten uns ganz aufgeregt…. Endlich im Bett weckt man uns vier Stunden spaeter mit dem Geklapper aus der Kueche – Fruehstueck!!! Wow, endlich mal was zu Essen…

Nur einmal wird dieses Ritual unterbrochen. In Qurveh, am Rande Kurdistans, werden wir von der „Staatlichen Sicherheitspolizei“ tagsueber in der Stadt gesichtet. Eine ungewoehnliche Situation fuer eine Stadt in prekaerer Lage und ohne touristische Attraktionen. Das reicht, um uns verdaechtig zu machen und uns mitsamt unseres Gepaecks um 2 Uhr frueh auf das oertliche Polizeirevier zu eskortieren… Die Nachtschicht schiebenden Beamten der „Normalen Polizei“ sind allerdings wenig eifrig bei der Sache, das Durchsuchen der Sachen faellt reichlich oberflaechlich aus, das Erstellen des Protokolls, per Hand, laesst Spuren sichtlichen Unwillens erkennen und immer wieder entschuldigen sich die Beamten bei uns fuer die Unannehmlichkeiten, die sie uns bereiten muessen…

Und sonst so? Wir entdecken die fuer uns schoenste Stadt der bisherigen Reise: Yazd.

Yazd verzaubert und vereinnahmt uns, und gibt uns endlich die Gelegenheit, die wundgeriebenen Aersche heilen zu lassen… In dem grossraeumigen Labyrinth der Altstadt leben und arbeiten tatsaechlich noch Menschen, hinter hohen Lehmmauern verstecken sich jahrhundertealte architektonische Wunder und in Pirouz finden wir einen aelteren weisen Mann und guten Freund, der uns die Zeit in der Stadt mit Geschichten, Tee und jeder Menge Zucker versuesst…. Viele Worte verlier ich dazu nicht. Wir sind verliebt in eine Stadt – moege sie jeder fuer sich selbst entdecken!

Esfahan kommt gegen wahre Liebe nicht an und entaeuscht, aehnlich wie Buchara, mit ueberlaufenen und teuren Attraktionen… Lediglich die erfrischenden Gespraeche mit den jungen Leuten und das etwas weniger sittenstrenge Leben, das sichtliche Aufbegehren gegen staatlich verordneten Konservatismus, erhellt unsere Gemueter.

Schon nach wenigen Tagen im Iran, spaetestens aber nach einigen Wochen, muesste jedem Besucher klar werden, dass das Bild, welches in unseren Medien von der iranischen Gesellschaft gezeichnet wird, ein absolut unrealistisches Zerrbild ist.

Da werden Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan in einen Topf geschmissen, eine Prise Islamistensalz und Bombenpfeffer dazugegeben, kraeftig geruehrt und fertig ist der Terroristeneintopf. Das die Regierung mehr als unerwuenscht ist, wuerde hier sicher mindestens jeder zweite Buerger gern lauthals bestaetigen, wenn er nur duerfte. Im Stillen hoeren wir es allerdings oft…

Und die Iraner wissen um ihr schlechtes Image in der Welt und fordern uns immer wieder (halb)verzweifelt auf, die Wahrheit nach Aussen zu tragen. Das tun wir hiermit….

„Die groesste Gefahr besteht im Iran darin, von den Menschen zu Tode gefuettert zu werden…“

Was wir aus der Zeit im Iran mitnehmen sind hoechst emotionale Begegnungen, intensive Gespraeche, die Erinnerungen an weite beeindruckende Landschaften, rotgluehende Sonnenuntergaenge, zauberhafte Staedte, herzliche Menschen und ein Gefuehl dafuer, was es heisst, unter diesem harten Regime in Angst Leben zu muessen… und:

Einen alten Teppich, eine schwerwiegende Erinnerung an Pirouz. Mehr „Wiegender Teppich“ als „Fliegender Teppich“…

Es folgen zwei Dia-Shows und fuer alle, die es noch nicht gemerkt haben: Es gibt nun auch Text und Fotos zu Turkmenistan und einen Text zu den Bildern aus Usbekistan… Vıel Spass!

Gasland Turkmenistan

5 Tage, 50 Grad und 500 Kilometer

Erstaunlich gelassener Grenzuebertritt. Unsere muehsam zusammengesammelten Registrierungen werden keines Blickes gewuerdigt. Der Wind ist seit Buchara endlich mal auf unserer Seite und so legen wir gleich am ersten Turkmenistan-Tag einen neuen Rekordspurt von knapp 200 Kilometern hin. Das ist doch mal ein guter Start fuer die Schnell-Querung des Gaslandes. Fuenf Tage haben wir Zeit dafuer…

Bei unserem ersten Stopp, in Turkmenabat, erhalten wir frischgebackenen Apfelkuchen von einer aelteren Dame… Das Wasser, welches wir am Kiosk kaufen, wird von unbekannten Passanten bezahlt und in der benachbarten Motorenwerkstatt werden wir zum Abkuehlen und Duschen eingeladen. Auch eine Einladung zur Uebernachtung bleibt nicht aus… Doch die Uhr tickt…

Weiter rauschen wir durch die gluehende Wueste. Es gibt wenig, was uns ablenken koennte: Hin und wieder ein Truck auf der Fahrt in den Iran oder die Tuerkei. Ab und zu spielen ein paar Windhosen Fangen. Ansonsten bleibt uns nur die Flucht in eigentuemlich real erscheinende Tagtraeume.

Spaetestens aller 60km erwartet uns ein Truckstopp – unsere Oasen der Glueckseligkeit. Eine Klimaanlage kuehlt die Raeume auf 34 Grad herunter, was uns froesteln laesst. Gutes Essen, meist Nudeln und Fleisch, oder gefuellte Paprika, wenn man das Glueck hat, auf die Nachkommen russischer Siedler zu treffen, stehen auf unserem Speiseplan.

Tagsueber laufen rund 10 Liter Fluessigkeit die staendig ausgetrockneten Kehlen hinab, pisswarmes Wasser zumeist, aber, dank der tuerkischen und iranischen Trucker und ihrer in die LKWs eingebauten Kuehlschraenke, auch eisgekuehltes – wie Wasserbomben fliegen dann die Flaschen aus den Fenstern vorbeirasender Trucks. Oder sie halten an und versuchen uns zum Mitfahren zu ueberreden…

Das Uebernachten gestaltet sich wunderbar unkompliziert. Kurz vorm Dunkelwerden halten wir einfach an einer der wenigen Behausungen und fragen nach…

Die erste Nacht verbringen wir in einer Unterkunft fuer Gasarbeiter. Rund 20 Maenner arbeiten 5 Tage, von frueh 5 Uhr bis zum Mittag und vom spaeten Nachmittag bis zum Sonnenuntergang bei Temperaturen bis zu 60 Grad. Danach gibts 5 freie Tage zur Erholung. Alexej, der leitende Ingenieur, bietet uns sein Zimmer zum Schlafen an und bringt uns Brot, Gemuese und Kefir zum Abendessen…

Turkmenistan ist eines der gasreichsten Laender der Welt und hartnaeckig haelt sich das Geruecht, dass dank frei verfuegenbaren Gases fuer alle turkmenischen Haushalte, dieses immer am Brennen gehalten wird, damit kein Geld fuer Streichhoelzer ausgegeben werden muss…

Am Tage immer das gleiche Spiel: Fahren bis der Hintern wund ist – und noch viel weiter. Immer wieder vorsichtig die festgeklebte Zunge vom ausgetrockneten Gaumen loesen und auf gar keinen Fall an die noch vor uns liegende Strecke denken! Und Trinken, trinken, trinken. Das Denken konzentriert sich zunehmend auf die naechste eisgekuehlte Cola…

Nachdem wir den Abzweig von der Hauptstrasse in Richtung Sueden gefunden haben, fuehrt uns unser Weg entlang des Grossen Sees. Der ist zwar nicht tief, aber eine Wohltat fuer Auge und Koerper. Ausserdem liefert er noch schmackhaften Fisch. Zum x-ten mal ueberqueren wir das turkmenische Prestige-Projekt, den Grossen Kanal, ein mehrere tausend Kilomter langes Monstrum zur Bewaesserung der Baumwoll- und Getreidefelder in der Wueste und einer der Mitverantwortlichen fuer das Austrocknen des Aralsees…

Inmitten der Felder bleiben wir am Abend an einer kleinen Huette stehen und werden gleich von einem der Bewohner herangewunken und lautstark begruesst. Zur gleichen Zeit haelt ein klappriger weisser Lada hinter uns. Hinter einer grossen Melone taucht ein Mann auf, den wir am Grossen See trafen und der ganz vergessen hatte, uns eine Melone zu schenken. Also machte er sich auf den Weg, uns diese 40km weit hinterherzufahren….

Den Abend verbringen wir mit den Farmern auf dem Dach des kleinen Hauses, mit Blick auf die Sonne, die gluehend rot hinter tausenden Hektaren Kolchoselandes versinkt, mit Heerscharen stechender Plagegeister, die bei abendlich-kuehleren Temperaturen den Bewaesserungskanaelen entsteigen, mit einer Herde meckernder Ziegen zu unseren Fuessen und saurer Milchsuppe und extra herbeigeschafftem warmen Bier fuer unsere Maegen…

Die allesamt von harter Feldarbeit, gleissender Sonne und vorangeschrittenem Alter gezeichneten Maenner betten uns liebevoll auf Filzmatten und waehrend sie noch leise schnattern versinken wir unterm Sternenhimmel ins Traumland…. Morgen gehts in den Iran….

Was soll man sagen, wo anfangen, wo aufhoeren? Mittlerweile sind schon wieder ein paar Wochen ins Land gegangen, wir sitzen in Esfahan, im Iran, und ich versuche mich zurueck zu erinnern, an die Zeit in Usbekistan. Alles in Allem war es recht unspektakulaer und die Entscheidung, nicht nach Samarkand zu fahren, wohl eine weise. Die gaengigen Stichwoerter greifen auch fuer Usbekistan: Heiss, windig und gastfreundlich. Die Fahrt zur Grenze, aus Tadschikistan kommend, hinterlaesst keine Spuren im Gedaechtnis, der Grenzuebertritt gibt uns nochmals die Gelegenheit, das alte Spiel des „Bolschoi Problem“ zu spielen – ohne Immigrationsformular sind wir fuer die Zollbeamten ein scheinbar leichtes Fressen. Dass wir keine Registrierung vorweisen koennen, wird gluecklicherweise uebersehen. Und so finden wir uns in einem kleinen separaten Raum drei Beamten gegenueber, die mit wichtigtuerischem Gehabe von grossen Problemen palavern. Wir vergessen fuer diese Zeit unsere sowieso nicht gerade grossartigen Russischkenntnisse und sitzen das Theater aus. Eine halbe Stunde lang immer wieder die gleiche Leier – wir muessten zur Kirgisisch-tadschikischen Grenze zurueckfahren, um uns das fehlende Formular zu holen – laecherlich! Und so sitzen sie da und warten, dass wir doch endlich mal die Frage nach den Kosten stellen, was wir uns aber tunlichst verkneifen. „Wir Turist, nicht unser Problem!“ Und wir haben Zeit. Irgendwann sagen wir gar nichts mehr und warten einfach was passiert. Ausreisestempel – das passiert.

Auf usbekischer Seite laeuft alles wesentlich professioneller ab. Genaue Angaben auf den Einreiseformularen, Gepaeckkontrolle bis hin zur Ueberpruefung der Fotos auf unseren Kameras. Das dauert. Aber aus der Ruhe bringt uns auch das nicht. Wir haben ja Zeit. Schon wieder. Und dann heisst es – los! Ein neues Land, wenig Neues. Die Menschen und die Landschaft veraendern sich nicht abrupt. Es bleibt weiterhin freundlich, russisch ist noch immer gut fuer die Verstaendigung. Am ersten schattigen Restaurant bleiben wir haengen… Das Essen wird fuer uns bezahlt, danach werden wir von anderen Gaesten zu Tische gebeten und schluerfen zum Dank ein garstiges Wodka-Bier-Gemisch. Einladungen zur Uebernachtung folgen, wir nehmen dankend das Angebot eines Melonenfarmers an, auf seiner Plattform im Feld zu naechtigen… Zur Abkuehlung plansche ich mit ihm im Bewaesserungsbecken herum und entsteige diesem schliesslich dank des schlammigen Wassers nicht sauberer, aber immerhin erfrischter.

In den kommenden Tagen veraendert sich die Landschaft und laesst uns erahnen, was auf uns zukommen wird. Wueste. Und damit heisser, trockener Wind, kein Schatten und der Durst… Auch hier halten immer wieder Autos an, und wir kommen so in den Genuss von Geldgeschenken, Melonen, Joghurt und Wasser. Die Staedte unterwegs sind so gesichtslos wie die Landschaft, in die sie eingepflanzt sind – im Falle Mubaroks, einer sowjetischen Industriestadt (Gas)ist es nicht einmal die Gesichtslosigkeit, sondern eine graue, faltige Fratze in eintoenig sandiger Unendlichkeit. Doch bekommen wir auch das Liebenswuerdige dahinter zu sehen. Wir werden auf unsere Frage nach einer Uebernachtungsmoeglichkeit hin zum Buergermeisteramt eskortiert, wo wir erstmal warten muessen. Irgendwann werden wir hereingebeten zum Stadtobersten und herzlich willkommen geheissen. Einer Vermittlung ins nahe Hotel folgt eine Einladung zu einer Doppelhochzeit und somit sind wir fuer den Rest des Abends verplant….

Hochzeit = laut, stickig, heiss. Die Lautsprecher sind sicher nicht fuer diese Lautstaerken gemacht, droehnen und klappern im Rhythmus der Dancebeats und zentralasiatischer Musik. Professionelle Showeinlagen unterbrechen die wilden Tanzeinlagen der Gaeste, Ansprachen zum Wohle der Frischvermaehlten schlaefern ein – bis, ja bis ich am Zuge bin. Die Ankuendigung, dass zwei europaeische Gaeste die Feier beehren holt viele aus ihrer Erstarrung und mein „Salam Aleikum“ erntet stuermischen Beifall…. Einzig und allein die Brautpaare scheinen an der gesamten Veranstaltung keinen Spass zu finden – sitzen auf ihren Thronen vor 300 Leuten und lassen sich wie Marionetten zu allerlei Zeugs herab…..

Unser Ziel ist Buchara – sagenumwobene Stadt an der Seidenstrasse. Das erste, was uns entgegenblitzt, sind heruntergekommene sowjetische Appartmentblocks und Prachtgebaeude aus ebendieser Epoche, an denen sichtbar der Zahn der Zeit nagt…

Eine eher faszinierende und unerwartete Seite der Stadt ist die ehemalige Prachtstrasse, an denen sich die Perlen der kommunistischen Architektur aufreihen…

In der Altstadt werden wir sogleich von den Touristenfaengern umgarnt und von dem einen ins andere Hotel gefuehrt. Hier hilft nur die Flucht. Das grosse Angebot an Unterkunftsmoeglichkeiten hilft bei den Preisverhandlungen und so werden wir bald fuendig… Ein geeignetes, sprich kostenguenstiges, Restaurant zu finden gestaltet sich da schon schwieriger. Zu guter Letzt bleibt uns der kleine Laden um die Ecke, der uns mit Brot, Kaese, Melone und Fisch aushilft…

Die Altstadt wurde in den letzten Jahren fieberhaft saniert, rekonstruiert und touristisch-infrastrukturiert. Das ehemalige Leben laesst sich in den kleinen Gassen noch erahnen, auf den Prachtplaetzen vor den Madressen, Moscheen etc. wird Geschichtstraechtigkeit nur noch inszeniert. Todsaniert und herausgeputzt enttaeuscht uns Buchara. Den Charme der Vergangenheit, des Vergaenglichen, muss man suchen – aber er laesst sich noch entdecken…

Die Hauptaufgabe des letzten Tages ist es, Zuzka schick zu machen fuer ihren grossen Auftritt im Iran. Unsere Suche nach der geeigneten Kleidung fuehrt uns zum grossen Basar, in dessen Klamottenlaeden eine Grausmkeit nach der anderen feilgeboten wird… Stundenlanges Suchen, Probieren, Herumfragen unter der gleissenden Sonne kostet uns muehsam angefutterte Kraefte…. Das Ergebniss ist schliesslich ein Kleidungsstueck, welches die strikten Auflagen der Islamischen Republik erfuellt, gleichzeitig aber auch auf einem Hippiefestival ohne Probleme getragen werden koennte….

Es geht weiter und noch heisst es, ein Land zu meistern, von dem wir so gar nichts wissen: Turkmenistan.

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Ein kurzer Lagebericht aus Duschanbe

Ein friedliebendes Volk in einer friedlichen Stadt – so erscheint uns Duschanbe. Kaum zu glauben, das hier in den 1990er Jahren ein blutiger Buergerkrieg 10.000en Menschen das Leben gekostet hat und Tadschikistan Rang 3 unter den weltweit bedeutendsten Drogen-Nationen einnimmt. (Nach Kolumbien und Afghanistan)

Wieder einmal sind wir erstaunt, was man alles an Nuetzlichem und Unnuetzem kaufen kann – das Warenangebot ist gross. Vor allem Lebens – und Genussmittel haben es uns angetan. Aprikosen, Kirschen, Pflaumen und Melonen sind gerade reif und daher guenstig und in rauen Mengen zu bekommen. Frisches Fladenbrot, hollaendischer Kaese, tadschikische Marmelade, tuerkischer Schokoaufstrich, moldawischer Wein, russisches Bier und malaysischer Pulverkaffee stehen in unserer Gunst weit oben.

Die besonderen Attraktionen der Stadt duerften, neben diversen Botschaften, das Postamt und die Fast-Food-Restaurants sein, die kurioser Weise alle irgend etwas mit Huehnchen zu tun haben – „South Fried Chicken“, „New York Fried Chicken“ oder „Kantri“, mit dem Superhuhn im Logo, auch wenn es dann doch das uebliche vom Rindvieh gibt, allerdings in deutlich besserem Preis-Leistungs-Verhaeltnis als im Goldbogenrestaurant.

Das Hauptaugenmerk unseres Aufenthaltes liegt allerdings in der Beschaffung der Visas fuer die drei naechsten Laender – Usbekistan, Turkmenistan und Iran. Erst- und letztgenannte geben sich alle Muehe, uns Zutritt zu ihren Laendern zu verschaffen, Turkmenistan allerdings laesst uns warten: 15 Tage, um genau zu sein. Und am Ende bekommen wir vielleicht 5 Tage fuer den Transit. Aber nur, wenn es der oberste Zahnarzt des Landes erlaubt.

Also werden wir ganze drei Wochen in einer Stadt verbringen, die uns alles bietet, was wir momentan brauchen – reichlich Essen, keine Sehenswuerdigkeiten, Landesvertretungen in Laufnaehe, eine kleine Wiesen-Rosen-Rabatte im Hof eines Gasthauses fuer unser Zelt und jede Menge Radfahrer. Fast jeden Tag treffen neue Pedaliere ein und so geht nie der Gespraechsstoff aus – man ist unter sich, spricht die selbe Sprache und teilt oft eine gemeinsame Lebensphilosophie – das heisst, wir muessen einmal nicht begruenden, warum wir tun, was wir tun!

Drei Wochen spaeter: Das warten hat sich gelohnt. Wir haben alle Visas in der Tasche und radeln nun nach Buchara in Usbekistan.

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Opel-Land Tadschikistan: “Der LADA des Westens verdrängt das Original“

Da ich ein Herz fuer unsere Leser habe, werde ich mich diemal kuerzer fassen. Und auch nicht jammern, lieber Sascha!

Wir starten also in Khorog frohen Mutes, wenn auch etwas traurig ueber den Abschied von Josef, und freuen uns auf die langen Abfahrten entlang des afghanisch-tadschikischen Grenzflusses Panj. Wie naiv wir doch noch immer sein koennen! Auch wenn wir dem Fluss talabwaerts folgen, heisst das noch lange nicht, dass die lustigen russischen Strassenbau-Ingenieure die Strasse diesem naturgegebenen Phaenomen anpassen wuerden. Neein! Weit gefehlt. Warum denn nicht ein paar tausend Hoehenmeter Steilrampen einbauen, jeglichen Asphalt fernhalten, hunderten Bergbaechen den Durchgang gewaehren und grosse Gesteinsbrocken ueber das Ganze rieseln lassen? Sonst wuerde die Strasse vielleicht auch noch benutzt werden….

Wir rumpeln also auf einer abenteuerlich anmutenden Piste herum, die Bikes springen wie kleine Zicklein, mal hierhin, mal dorthin – die „Seidenstrasse“ macht ihrem Namen keine Ehre und sollte eher „Kartoffelsackstrasse“ genannt werden… Doch ist die Strecke nichts im Vergleich zu dem lebensgefaehrlichen Trampelpfad auf der gegenueberliegenden Seite des Flusses. Die Afghanen koennen ihren Weg lediglich auf zwei eigenen oder vier tierischen Beinen begehen und auch dann noch mit eher unkalkulierbaren Risiken.

Dank der zahlreichen, einseitigen Berichterstattungen ueber Afghanistan in den westlichen Medien, erwarten wir baertige Taliban-Kaempfer, die mit aus dubiosen Waffengeschaeften stammenden Automatikgewehren oder Panzerabwehrraketen unsere Reise gewaltsam unterbrechen oder gar beenden wollen. Statt dessen erschallen von afghanischer Seite Kinderrufe herrueber, lautes „Hallo“, unterstuetzt durch heftiges Winken. Als einzige und dazu noch recht mundfaule Zeugen einer unfriedlichen Vergangenheit liegen Panzerwracks am Strassenrand oder umgekippt im Fluss, die Kanonen noch immer auf den vermeindlichen Feind gerichtet. Auf Schildern und mit Felsgraffittis wird vor herumliegenden Landminen gewarnt – das wiederum erschwert die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz erheblich. Diesen allerdings brauchen wir auch gar nicht zu finden….

Das mit den zahleichen Einladungen ist ja nun fast Alltag fuer uns, aber wird doch immer wieder ueberboten – in Gaststaetten duerfen wir nicht bezahlen, entweder werden wir von den anderen Gaesten oder den Wirten selbst eingeladen. Wenn wir in Doerfern nachfragen, wo wir Brot kaufen koennen, bekommen wir es geschenkt. Auch die Uebernachtungen sind nie ein Problem – falls wir am Abend eine Ess-Stube finden, duerfen wir anschliessend auf den Essplattformen im Freien oder auf Matratzen am Boden des Zimmers schlafen. In den Siedlungen wird gewunken und gerufen was das Zeug haelt, nur um uns anschliessend mit Koestlichkeiten vollzustopfen und uns ein weiches Nachtlager fuer die mueden Haeupter zu bereiten…  Tadschikistan ueberholt alle anderen von uns besuchten Laender im Sauseschritt und landet dank spektakulaerer Landschaft und ausgesprochen herzlichen Menschen auf unserem persoenlichen 1. Platz.

Selbst die vielen Polizeikontrollen koennen die friedvolle Atmosphaere nicht trueben – die Beamten mit den auffallend grossen Tellermuetzen wollen nur ein wenig plaudern und entlassen uns nach Beantwortung der draengendsten Fragen mit den besten Wuenschen und kleinen Geschenken in Form essbarer Tatsachen…

Kurz vor der Hauptstadt Dushanbe wird die Strasse, dank der fleissigen chinesischen „Gastarbeiter“, endlich gut – und die maroden Fahrzeuge in den Haenden der Tadschiken zu todbringenden Waffen. Irgendwo im Koran versteckt muss die Sure: „Du sollst nicht ohne deinen Opel toeten“ zu finden sein…

Kirgistan: „Nur der Versuch macht kluch!“

Von Kashgar über Sary-Tash nach Karomyk und zurück nach Sary-Tash

Die Jagd nach den Visas fuer Zentralasien war schliesslich erfolgreich, allerdings fast zu spaet. Wir verlassen Kashgar und finden uns nach dem Abzweig Richtung Grenze in einer wuestenartigen Gegend wieder. Kamele weiden in der kargen Landschaft, die Sonne brennt auf uns herab und der Wind blaest uns aus vollen Lungen kraeftig ins Gesicht. Das Vorankommen verlangsamt sich auch dank der stetigen Steigung dramatisch, so dass wir am Ende des zweiten Tages, noch weit entfernt vom Tagesziel, den Daumen raushalten… Ein chinesischer Geologe und sein uigurischer Kollege erbarmen sich unser und fahren uns nicht nur bis zu ihrem Zielort, sondern machen einen 100km langen Umweg und  bringen uns gleich bis zur Grenze. Geld wollen sie dafuer keins und nach dem gemeinsamen  Abendessen kostet es mich grosse Kraft, wenigstens dies bezahlen zu duerfen….

Die letzte Nacht auf chinesischem Boden verbringen wir in einer Trucker-Herberge unweit des Grenzpostens. In einer eingeschossigen Gebaeudezeile in einem unsaeglich tristen Ort vermieten aeltere Damen winzige Verschlaege, angefuellt mit sechs Doppelstockbetten, einem kleinen Ofen und den Geruechen und Geraeuschen seiner Kurzzeitbewohner. An Schlaf ist kaum zu denken…

So machen wir uns am naechsten Morgen uebermuedet auf zur Grenzkontrolle. Wir sind die Einzigen hier, werden herzlich und sehr freundlich willkommen geheissen, nach unserem Woher und Wohin und Wohlbefinden befragt. Einer der Beamten bringt uns heisses Wasser, der andere macht den Gepaeck-Scanner startklar und nach einer oberflaechlichen Kontrolle werden wir mit einem „Besuchen Sie uns bald wieder“ entlassen. Kaum zu glauben, nach all den Geschichten die wir von anderen Radlern gehoert haben. Auch auf kirgisischer Seite werden wir zuvorkommend behandelt und koennen schnell unserer Wege ziehen. Selbst die Tatsache, dass unser China-Visum in dem einen, das kirgisische in dem zweiten Pass ist, erntet nur ein Schulterzucken…

Alles andere als angenehm hingegen ist das Wetter. Wir sind wieder in den Bergen angekommen, es regnet jeden Tag und die Temperaturen sind in den einstelligen, wenn auch positiven Bereich gefallen. Kurz hinter der Grenze winkt uns am Rande einer Siedlung namens Nura ein kleines Maedchen heran, fragt per Handzeichen, ob wir Essen wollen.  Nun erst faellt uns auf, dass wir heute noch nichts zu uns genommen haben und folgen freudig ins Haus. Dort erwartet uns schon die Mutter und  tischt uns Fladenbrot, Aprikosenmarmelade und heissen Tee, Laghmen und Suesses auf und braucht auch nicht lange, um uns zu ueberreden, die Nacht hier im Haus zu verbringen. Darauf scheinen ihre drei Kinder und die Cousins und Cousinen aus der Nachbarschaft nur gewartet zu haben: Ein toller Spiel- und Malnachmittag beginnt. Fuer sie.

In Windeseile verbreitet sich die Nachricht ueber unseren Aufenthalt und immer wieder kommen aeltere Damen zu Besuch, die uns als Grossmuetter und Schwestern vorgestellt werden und von denen wir unbedingt Fotos machen muessen. Ein grosser Spiegel liegt schon bereit, und vor jedem Bild werden die Kopftuecher in Form gezupft und die Rotze aus den Gesichtern der Kinder gewischt.

Es ist warm und gemuetlich, immer wieder gibt es Tee und etwas kleines zu Essen – Fladenbrot, hausgemachter Quark, ukrainisches Konfekt.  Das Leben spielt sich auf dem Fussboden ab – Sofas und hohe Tische gibt es nicht – dafuer sind die Raeume mit Teppichen ausgelegt. Duenne Matratzen darueber und viele Kissen laden zum Sitzen und Liegen ein und am Abend werden ein paar Decken von einem Stapel genommen und sich darunter zur Ruhe gebettet…

Die Haeuser wurden nach einem verheerenden Beben vor wenigen Jahren neu errichtet, billig aus Spanplatten zusammengeschustert. Wer aufs Klo will, muss den langen Weg ueber den matschigen Acker auf sich nehmen, den Kindern dient ein umgestuerztes LADA-Wrack als Sichtschutz fuer ihre kleinen und grossen Geschaefte.

Der naechste Tag ueberzeugt mit besserem Wetter und, nach langer Auffahrt zur Passhoehe des Irkeshtam, mit einem einzigartigen Panorama. Ab 3300m beginnt die Schneefallgrenze – zu tief, wie wir befuerchten, da der von uns vorgesehene Weg ueber den Pamir ueber 4600m fuehren wird… Wie es scheint, sind wir zu frueh dran. Die Bergkette, die Tadschikistan von Kirgistan trennt, tuermt sich suedlich von uns wie ein riesige Wand aus Eis und Schnee auf – und erscheint uns als fast unueberwindbar. In dem weiten Tal des Flusses KySyl grasen friedlich Herden von Yaks, Pferden, Ziegen und Kuehen. Am Abend erreichen wir Sary-Tash, am Kreuzungspunkt des Pamir-Highway M41 und der Verbindungsstrasse zwischen Kashgar und Dushanbe. Gleich am Ortseingang werden wir angehalten und ausgefragt – das Uebliche. Die Aussage, dass ich aus „Germanija“ stamme versetzt die maennlichen Zuhoerer in helle Begeisterung: „Aftomaschina otschen horoscho“ und „Hail Huettler“ werden mir lautstark entgegengeschmettert, der grossen Freude mit kraeftigem Schulterklopfen und breitem Grinsen aus goldbezahnten Muendern Nachdruck verliehen. Mein konsternierter Blick verleitet dann den Aeltesten von ihnen zu der Frage „Huettler kaputt, da?“. Ich nicke, laechle und alles ist gut! Nach dem gestrigen Kinder-Chaostag sehnen wir uns nach ein wenig Ruhe und folgen der mit winkender Bierflasche ausgesprochenen Einladung ins Haus nicht, sondern fahren ein paar Meter weiter und quartieren uns in der Gastoniza „AIDA“ ein – ein unbeheizter Raum, uebern Hof ein Plumsklo und karge Speise fuer wenig Geld.

In der Nacht schneit es und am naechsten morgen erwachen wir beide mit einer grossartigen Erkaeltung. Fieber schuettelt mich immer wieder aus dem Halbschlaf und wir beschliessen, Sary-Tash so schnell als moeglich zu verlassen. Talabwaerts fuehrt die Strasse direkt nach Tadschikistan und weiter in die Hauptstadt Dushanbe. Der Haken dabei ist leider der, dass der Grenzposten bei Karomyk nur fuer Einheimische passierbar ist. Versuchen wollen wir es trotzdem…

Dazu fahren wir in den Nachbarort Sary-Mogul. Dort wohnt Turdubai, einer der wenigen Menschen im Tal, denen Englisch gelaeufig ist und der uns seine Hilfe zusichert. Er ist ausserdem einer der wenigen Maenner, die sich nicht dem modischen Diktat der Region unterworfen haben – dem Fake-adidas-Jogginganzug! Gefordert ist hier ein dunkler Grundton, die drei Sreifen sollten farblich moeglichst zur Wertanlage im Mund passen, die weissen Tennissocken werden ueber die Hosenbeine gezogen und die Fuesse zieren unsaeglich grellbunte Turnschuhe. Vervollstaendigt wird der tapfere Traeger dieser zentralasiatischer Zumutung durch das Schmuecken des Kopfes mit einer amerikanischen Baseballkappe oder dem traditionellen Filzhut.

Sary Mogul liegt gegenueber des Pik Lenin. In der Gesamtheit der schneebedeckten Bergkette des Psay Alai stellt er keine herausragende Persoenlichkeit dar, ist aber, wenn ich nicht irre, einer der ersten 7000er, die ich so zu Gesicht bekomme. Mogul ist schoen. Flache Lehmhaeuser, spielende Kinder, laechelnde Menschen, eingebettet in das riesige gruene Tal und im Hintergrund die Mauer aus Fels, Eis und Schnee….

Im Zuge der Vorbereitungen auf den Grenzuebertritt lernen wir den „Paten“ des Tales kennen. Bei ihm zu Hause wird, bei einem reichlich gedeckten Tisch, ein Plan kreiert, der mehrere Menschen mit Beziehungen involviert – Maenner, die wiederum Maenner an den richtigen Stellen kennen, und wissen, wer was fuer wie viel zulaesst. Anders gesagt, es wird innerhalb nur einer Stunde und einiger Telefonate ein Netzwerk organisiert, welches uns auf dem Weg zur Grenze beherbergt und verkoestigt, wenn notwendig, um Polizeisperren herumfuehrt und am Ende mit einem Fahrzeug ueber die drei kirgisischen und den tadschikischen Grenzposten bringen soll. Alles klingt gut durchdacht, alle sind optimistisch. Zweifel an der Durchfuehrbarkeit gibt es keine. Nun liegen nur noch zwei Tage Radfahrt zwischen uns und der Grenze – leider ist die Strasse zum allergroessten Teil ungeteert und der Wind stemmt sich uns weiterhin mit ganzer Kraft entgegen.

Wir werden von Freund zu Freund und Familie zu Famile durchgereicht und erleben eine grenzenlose Gastfreundschaft! Leider begegnen wir auch zwei Halbstarken auf fast menschenleerer Strasse, die ploetzlich meinen, dass mein Eigentum nun das Ihre sei und ich mich doch bitte nicht so uneinsichtig zeigen solle. Einer haelt von vorn mein Rad fest, redet auf mich ein und gestikuliert zunehmend aggressiver werdend, der Zweite steht ruhig neben mir und wiegt seinen Spaten in der Hand. Zuzka ist gluecklicherweise aus der Gefahrenzone entschwunden, kann aber aus der Ferne weder einschaetzen, was gerade vor sich geht, noch irgendwie helfend eingreifen. Waehrend ich noch versuche ruhig zu bleiben und mir so meine Gedanken mache, wie und ob ich denn mit den Beiden fertig werden koennte, oder diese am Ende doch recht haben sollten und ihnen nun der Inhalt meiner Taschen gehoert, kommt mir die Rettung in Form eines vollbeladenen Russen-Jeeps entgegen. Ich winke kurz und der Fahrer erfasst wohl die Lage – angesichts fuenf volljaehhriger Maenner, die sich lautstark schimpfend aus dem Wagen draengen, kommen den beiden Gaunern wohl Zweifel an ihrem Tun und lassen mich meiner Wege ziehen…

Kurz vor der Grenze in Koromyk werden wir schon von fuenf Maennern erwartet. Unser Kontaktmann, genannt Nur, erweist sich als netter, vertrauenswuerdiger Mann, der Rest der Bande erscheint uns reichlich dubios… Wir quetschen uns und die Fahrraeder in den Van und starten die Aktion „GRENZE“. Aber wer aus Erfahrung nicht lernt, ist selber schuld und so stellt sich nach einer Stunde heraus, dass nichts geht. Keinen Meter werden wir hier weiter kommen. Nur ist untroestlich, seine Ehre angekratzt, hat er doch behauptet, dass die ganze Aktion „absolut gar kein Problem“ sei. Waere es wohl auch nicht gewesen, wenn nicht ausgerechnet heute der Oberst zur Stelle gewesen waere, den auch unsere Dollar eiskalt lassen… Uns ist das Ganze nicht so unrecht – sind uns doch in den letzten Tagen der Fahrt, bei schoenstem Wetter, so einige Zweifel gekommen. Viele Radler haben uns von der aussergewoehnlichen Schoenheit des Pamir erzaehlt – eigentlich schade, wenn wir das verpassen wuerden, auch wenn das ein paar Wochen und ein paar tausend Hoehenmeter mehr bedeutet…

Wir werden noch fuerstlich bewirtet im Hause Nurs, stolz werden uns die von seiner Frau handgemachten, und wirklich wunderschoenen Teppiche praesentiert und wir werden zum Bleiben gedraengt – doch es haelt uns nichts mehr. Wir beschliessen, sofort aufzubrechen und so schnell wie moeglich ueber die offizielle Grenze nach Tadschikistan einzureisen…. Kurz hinter dem Ortsausgangsschild sammelt uns ein tadschikischer Truckfahrer auf, die Bikes werden in den leeren Ueberseecontainer gelegt und wir holpern zurueck zum Ausgangspunkt, nach Sary-Tash. Das gibt uns ein paar Stunden lang gute Gelegenheit, unser verrostetes Russisch blankzuwienern….

Tadschikistan: „Vom Winde verweht“

Auf dem Pamir-Highway nach Khorog

Am naechsten Morgen ziehen wir los, immer der weissen Mauer entgegen… Wie schon gewohnt und erwartet, sind die Grenzposten unkompliziert, nett und redselig. Eine schweizer Familie kann uns aus ihrem Wohnmobil heraus kurz gruessen, dann sind wir im 20km breiten Streifen Niemandsland. Kurz vor dem Kyzyl-Art-Pass beziehen wir Quartier bei der bitterarmen Familie eines Strassenarbeiters. Die kleine Ansammlung verfallener Haueser erscheint uns auf den ersten Blick verlassen – seid langer Zeit schon. Doch mit einem warmen Ofen im Haus und ein paar Decken ist das Ganze gar nicht so ungemuetlich. Zwei winzige Zimmer, eines Kueche, Wohnraum und Arbeitszimmer, das andere zum Aufbewahren und Schlafen, dienen der fuenfkoepfigen Familie als Unterschlupf. Nach einem kargen Abendessen schlafen wir alle zusammen auf dem Boden. In der Nacht, gegen 3 Uhr, werden wir ploetzlich durch heftiges Pochen und Rufen geweckt und sieben  Menschen draengen sich lautstark in die gute Stube – nicht ganz so zur Freude unserer mueden Gastgeber – aber was sollen sie machen, schliesslich ist die Oma dabei. Nun wird es ploetzlich sehr eng, stickig und laut. Die Grossmutter wird, ungeachtet der vorgerueckten Stunde bestaendig schwatzend, nur handbreit neben meinem mueden Haupt gebettet – von nun ab kann von Schlafen keine Rede mehr sein!

Meine Erkaeltung weitet sich inzwischen zu einer boesen Bronchitis aus und im kleinen Oertchen Karakol, am gleichnamigen See gelegen, muss ich eine kurze Zwangspause einlegen. Das in dem Dorf eine „Frau Doktor“ zugegen ist, grenzt fast an ein Wunder und so komme ich in den Genuss einer Untersuchung mit anschliessender „Schlaf-Spritze“ und ein paar gut wirkender Medikamente.

Die Gegend ist fantastisch, unbeschreiblich schoen und dankenswerter und verstaendlicher Weise duenn besiedelt. Obwohl der Karakol-See recht salzhaltig ist, friert er im Winder zu und auch jetzt, Mitte Mai, ist noch der Grossteil mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Der oestliche Pamir ist ein Hochplateau, eine Wuestengegend, schottrig und sandig, mit vereinzelt wachsendem, kugeligem Gestraeuch und ein paar hartnaeckig kaempfenden Flechten. Im Hintergrund bilden die riesigen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln eine fantastische Kulisse und wenn wir nicht so sehr mit dem Gegenwind kaempfen muessten, koennten wir die Fahrt richtig geniessen.

Nach einem verschlafenen Tag am See fuehle ich mich stark genug, wieder aufzubrechen, auch wenn meine sensiblen Bronchien arg mit der duennen Luft ringen muessen. Noch immer begleitet uns der oft gefaehrlich nah an die Strasse heranreichende Grenzzaun nach China, als wir vor uns ploetzlich mehrere Schuesse hoeren. Was ist denn das nun? Ganz wohl fuehlt man sich ja nicht, wenn irgendwo herumgeballert wird. Aber was sollen wir machen? Weiterfahren – ganz klar! Wir treffen schliesslich auf einen Militaerjeep, dessen gelangweilte Besatzung sich die Zeit damit vertreibt, auf die zahlreichen, panisch fluechtenden Hasen und Murmeltiere erfolgreich Jagd zu machen. Wir werden freudig begruesst – wir sind auf zwei Militaeraerzte und ihre Fahrer gestossen, und werden nach erfolgtem Posieren vor unserer Kamera, mit Tabletten und nuetzlichen Tipps zur Gesundheitsvorsorge versorgt. Nun kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen…

An den Abenden stellt sich uns die Frage nach einer geeigneten Unterkunft: In den groesseren Ortschaften stehen ein paar Gastonizas zur Verfuegung, ansonsten gibt es ein passables Angebot an Homestays – Unterkunft und Verpflegung in den Haeusern der Einheimischen. Einziges Manko ist die Unvertraeglichkeit von literweise fliessendem Tee und meilenweit entfernter Toiletten. Ausserhalb der Siedlungen suchen wir uns die windgeschuetztesten Orte, die wir fuer unser Zelt finden koennen – eine huegelige Landschaft oder, wenn es keine Huegel gibt, tut es zur Not auch die kleine Kiesgrube am Strassenrand.

Inmitten des kalten Nichts wird Zuzka ploetzlich alt. Zum Gratulieren sind die ueblichen Verdaechtigen anwesend: Wind, Sonne, ein paar Kieselsteine und meine Wenigkeit. Wir stossen mit frisch gefiltertem Bergbachwasser an und goennen uns ein paar Schokoriegel. Leider ohne 30 Kerzen…

Es wird zunehmend kaelter und wir treten maechtig in die Pedalen, um vorwaerts zu kommen, ein Ziel klar vor Augen: Khorog!

Trotz aller kraeftezehrender Anstiege, Gegenwindkaempfe und der Ruettelpisten sind wir froh, doch diese ueberwaeltigende Gegend durchfahren zu koennen – wir haetten definitiv etwas Grossartiges verpasst!

Hat man einmal die Hochebene und den letzten Pass hinter sich gebracht, rollt man direkt in die kleine Siedlung Jelandy. Hier gibt es heisse Quellen und ein Sanatorium. Sanatorium? Das klingt in unseren Ohren nach einer laengst vergangenen Zeit.

Wir erreichen den langestreckten Bau, angefuellt mit einem Mix an interressant aussehenden Gaesten, die mit Bademantel bekleidet und Handtuch ueber der Schulter den langen Flur durchschreiten. Das uns zugewiesene Zimmer verbreitet ein post-sowjetisches Flair – dunkles Holz imitierende Plastikpaneele ziert Waende und Decke, der zerbrochene Glasluester verteilt gedaempftes Licht im Raum, am Boden liegen weiche Teppiche, die Betten sind mit dunkelroten Decken ueberzogen, der Raum wunderbar ueberhitzt – durch unterarmdicke Metallroehren glueckert lautstark heisses, schwefliges Wasser direkt aus dem Berg. Genau das gleiche, welches sich in den Baederaeumen bruehend heiss aus den rostigen Duschkoepfen quaelt. Einer der beiden Baderaeume ist fuer die Frauenwelt und alle Arten von Kindern, der zweite fuer die Maenner reserviert. Im Dampf des grossen, ehemals weiss gekachelten Raumes wird mir ploetzlich bewusst, dass ich in meiner Nacktheit ganz klar vom Rest der planschenden Maenner unterscheidbar bin – der einzige Nicht-Muslim verraet sich durch ein winziges, noch vorhandenes Detail!

Ungeachtet dessen tut es gut, sich nach wochenlanger Wasserabstinenz wieder einmal waschen zu koennen! Wir hatten es den Einheimischen gleich getan und sind abends ohne grossartige Umkleide-Anstrengungen direkt ins Bett gehuepft. Die Luft ist trocken genug, um nicht allzu sehr zu stinken und kleine, stechende und beissende Tierchen finden es hier, in den luftigen Hoehen des Pamir wahrscheinlich zu kalt zum leben…

Im Essraum des Sanatoriums bestellt man vor zwei huefthohen in die Hocke gehenden Durchreichen das Abendbrot: Die Auswahl besteht aus:

Klare Bruehe mit Kartoffelstueckchen und Rindfleisch oder Reissuppe mit Karottenstueckchen ohne Rindfleisch, Gefluegel-Wiener oder Spiegeleier, Gruen- oder Schwarztee, Brot oder kein Brot.

Nach dieser Aufzaehlung sagen wir einfach „Ja!“ und bekommen zu unserer grossen Freude tatsaechlich alles, ausser „Kein Brot“.

Nach erfolgtem Tiefschlaf und einem Fruehstueck, welches sehr an das vorangegangene Abendessen erinnert, sind wir bereit, die letzte, lange Etappe durch das tief eingeschnittenen Tal des Flusses Gunt zu bestreiten. Inmitten der Geroellhalden der Berge stechen gruene Oasen heraus. Immer wieder werden wir lauthals oder mit stummen Gesten zum Tee- oder Kwastrinken, zum Schlafen oder Essen aufgefordert! Bedingungslose Gastfreundschaft scheint in dieser Gegend der Welt eine absolute Selbstverstaendlichkeit zu sein…

Am Ende des Tages, kurz vor Khorog, treffen wir wieder einmal auf einen Kontrollposten. Die drei Beamten begutachten unsere Visas und die notwendigen Stempel der Sonderbewilligung (GBAO), die es uns erlauben, durch die vielen eigenstaendigen Gebiete des Pamirs zu reisen – und erfinden eine neue Region, durch welche wir nun angeblich fahren und fuer die wir keinen Stempel haben – mit dem Hinweis darauf, dass wir mit einer Spende problemlos weiterfahren duerfen. In den Augen der Beamten blinken Dollarzeichen auf, in den meinigen Blitz und Donner! Es wird heftig diskutiert und nachdem ich ihnen klar gemacht habe, dass ich mich in Khorog beim KGB nach der Rechtmaessigkeit des Ganzen erkundigen moechte, entlassen sie uns mit einem freundlichen Laecheln und ganz ohne „Spende“ in Richtung Stadt…

Khorog ist ein wunderbarer und wundersamer Ort mit wunderbaren und wundersamen Bewohnern. Der fuer Reisende angesagteste Ort ist die „Pamir-Lodge“, ein nicht allzu leicht zu findender „Ort der Ruhe und Kontemplation“, waere da nicht die Baustelle nebenan, welche dafuer sorgen soll, dass im Sommer noch mehr Gaeste das besondere Flair geniessen koennen.

Wir sind maechtig froh darueber, auf andere Herumziehende zu treffen und es entwickeln sich praechtige Gespraeche in einer allen gelaeufigen Sprache. Ein Ausflug in den Botanischen Garten, einer der beiden hoechsten der Welt, wie uns stolz erklaert wird, wird zu einem gemeinsamen Picknick und die Tage fliessen wunderbar entspannt, doch viel zu schnell dahin… Besonders ins Herz geschlossen haben wir Joseph, einen Motorradfahrer aus Oesterreich, mit dem wir jede Menge Zeit beim Einkaufen in den kleinen Laeden und dem Basaar der Stadt, beim Reden auf der grossen Veranda vor unseren Zimmern und beim Essen verbringen. Es ist schoen, sich einmal nicht bewegen zu muessen und nur mit solch kleinen Pflichten wie Fahrrad-Reparatur, Waeschewaschen und Blog-Schreiben konfrontiert zu sein.

Falls wir uns tatsaechlich aufraffen koennen, weiter zu fahren, werden wir wohl innerhalb einer Woche Dushanbe erreichen. Dort wollen, oder besser muessen wir uns um die naechsten notwendigen Visas kuemmern…

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