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„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!“
M.H. Bernhardt

Etappe 1: Von Litang nach Kangding und was uns hier widerfuhr

Den letzten Blogeintrag in Litang beendete ich mit: „Wir ruhen uns hier aus und schauen mal, wie wir weiterfahren wollen…“

Dieser Satz suggeriert, dass wir uns selbst entscheiden koennten, wohin wir fahren wollen – soweit allerdings sollte die Freiheit dann doch nicht gehen…. Nach Ganzi zumindest, in noerdlicher Richtung, ist momentan kein Durchkommen. Der einzig erlaubte Weg ist raus aus den empfindlichen Regionen – und fuehrt demnach genau entgegengesetzt unserer Richtung – nach Osten.

Am Tag der Abfahrt zieht ein starker, eisiger Wind durchs Staedtchen und bringt dicke Wolken mit sich, aus denen immerwieder Schneeflocken fallen. Unsere Motivation ist ein wenig verraucht, seit wir die seit Monaten ersehnte Traumstrecke Shangri-La – Litang hinter uns gebracht haben, aber hier bleiben, dass wollen wir auch nicht. Irgendwie hat es Litang geschafft, uns rasend schnell zu zermuerben. Es ist kalt – immer und ueberall, mal abgesehen von unseren Schlafsaecken, aus denen wir uns auch deshalb kaum herausschaelen wollen. Die Leute schauen auch eher muerrisch drein und ein solches Polizeiaufgebot, wie hier, haben wir noch nie erlebt. An jeder Ecke drueckt sich ein Grueppchen Uniformierter herum, beobachtet, ermahnt und straft. Jedes dritte Fahrzeug ist weiss-blau, am Wochenende, als es jede Menge tibetische Hirten in die Stadt zieht, werden sogar Wasserwerfer und gepanzerte Mannschaftswagen aufgeboten, um Praesenz zu zeigen.

Wir fahren los und merken sofort, dass etwas nicht stimmt. Wir kommen einfach nicht vom Fleck, muessen muehsam um Atem ringen. Die Haelse scheinen uns wie zugeschnuert. Als es dann auch noch bergauf geht, sind wir schon nach wenigen Kilometern am Ende. Was nun? Zurueck? Oh bitte nicht. Also Arm raus und Autos stoppen. Ein gruener Isuzu-Pickup haelt und die beiden Insassen nehmen uns gern ein Stueck mit. Sie sind im Auftrag der Energiebehoerde unterwegs, um die Stromleitungen zu kontrollieren und der naechste Stopp ist gerade einmal 10km weiter – aber immerhin hinter der Passhoehe. Von hier an muehen wir uns wieder auf den Raedern voran. Uns entgegen ein kaum enden wollender Zug Armee-LKWs, fein saeuberlich nummeriert, fahren sie auf dem Sichuan-Tibet-Highway, auf dem wir uns nun befinden, in Richtung Litang, und ganz sicher noch viel weiter….

Der Sichuan-Tibet-Highway wurde in den 1950er Jahren angelegt und zaehlt zu den hoechsten und gefaehrlichsten Strassen der Welt. Warum, erfahren wir bald….

Nach weiteren 20km wollen die Beine kaum noch und aller halben Kilometer halten wir an, um zu verschnaufen. Als wir durch ein kleines Doerfchen radeln, winkt uns ein grossgewachsener, hagerer Tibeter heran und laedt uns gestenreich in seine nahe Huette ein. Wir willigen froh ein und sitzen bald darauf am knisternden Ofen, und erholen uns bei einigen Schalen heissen Butter-Tees und Fladenbrot. Wir keuchen und schnaufen im Duett, unsere Lungen koennen sich nicht beruhigen und wir fragen uns, was uns so ploetzlich so zu schaffen macht. Wahrscheinlich ist es der Wetterumschwung, kombiniert mit der Hoehe, wir sind nun staendig ueber 4000m hoch, und den vorangegangenen Anstrengungen, von denen wir uns anscheinend noch nicht richtig erholt haben. Es ist erst frueher Nachmittag, doch an eine Weiterfahrt ist kaum zu denken. Gluecklicherweise fordern uns unsere freundlichen Gastgeber, Maya Mimi und seine Frau Tschinso, auf, ueber Nacht zu bleiben. Uebergluecklich willigen wir ein. Der Nachmittag ist ausgefuellt mit einem stetigen Fluss salzigen Tees, vom Verzehr herzhaften Fladenbrotes mit Reis und einem strengen Tibetisch-Unterricht.

Am Abend kommen die Kinder von den Weiden, die Maedchen Jibo (21) und Zomu (18), dazu gesellen sich einige Freunde und Nachbarn. Das einer von ihnen leidlich englisch spricht, erleichtert die Verstaendigung ein wenig.

Die Yaks (tibet.: Soks) werden kurz vor Einbruch der Dunkelheit von den nahen Huegeln getrieben, gefuettert und angebunden in niedrig ummauerten Pferchen, an dessen Waenden der Dung zum Trocknen klebt oder darauf aufgestapelt ist….

Das Haus besteht aus einem einzigen Raum, ein Viertel davon ist der Kueche vorbehalten, die sich um den mit Dung befeuerten Ofen gruppiert. Im Eingangsbereich haengen die Innereien zweier Grosstiere zum Trocknen, das einzig identifizierbare sind die Speiseroehren, die dann anscheinend zum Magen fuehren….

Draussen ist es dunkel geworden. Wir sitzen nun alle um den warmen Ofen gruppiert. Katze und Hund doesen friedlich vor sich hin. Es regnet Asche und noch mehr Buttertee, Zanba und Reiseintopf, in denen kleine Stueckchen des Trockentieres aus dem Eingangsbereich hineingeschnitzt werden, wandern wohltuend in unsere Maegen. Doch irgendwann drueckt der Tee. Wohin damit? Toiletten gibt es hier keine, die Umgebung des Hauses ist gut genug. Haendewaschen? Fehlanzeige.

Ab und zu setzt sich das Familienoberhaupt an die Gebetsmuehle, eine bunte Blechtrommel, welche mittels eines Riemens angetrieben wird, und murmelt fuer uns fremdartige Formeln dazu.

Es ist Zeit zum Schlafen. Die Frauen bereiten unsere Bettstatt vor, ein grosszuegig dimensioniertes Matratzenlager auf dem Bretterboden. Zum Abschluss werden wir mit sovielen Decken ueberhaeuft, dass es uns schon wieder schwerfaellt, genug Luft zu bekommen… Kein Laut in dieser abgelegenen Gegend dringt an unser Ohr und wir fallen in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Geweckt werden wir vom wuerzigen Geruch des Dungfeuers und dem Herumgeklapper von Mutter Tschinso . Das Fruehstueck ist in Vorbereitung und uns faellt es schwer, uns aus unserem kuschligen Lager herauszuwuehlen.

Draussen schneit es noch immer grosse Flocken, die Welt ist weiss geworden, die Strassen glatt. Wir fassen den Entschluss, unseren Weg mit dem Bus fortzusetzen. Das heisst vor allem: Warten. Als der Bus schliesslich auftaucht, geht alles ganz schnell – Fahrpreis aushandeln, Raeder und Gepaeck hineinquetschen, zum Abschied Winken und Los. Auf zur schlimmsten Fahrt unseres Lebens!

Wir schlingern, rutschen immer wieder auf Abgruende zu, holpern durch ein dichtes Netz von Schlagloechern. Es schneit nun immer heftiger, die Strassen werden immer glatter, bei Gegenverkehr geht oft gar nichts mehr. Lkws und Busse pressen sich aneinander vorbei, und kommen trotz der letztlich aufgezogenen Schneeketten ins Rutschen, was gelegentliche Rempeleien und Blechschaeden verursacht, die aber stoisch hingenommen werden. Am Abend, nach Einbruch der Daemmerung, macht die Polizei dem Treiben ein Ende und bringt damit die Mehrheit der Mitfahrer  in grosse Erregung – wir jedoch sind heilfroh, dass wenigstens jemand Vernunft zeigt und beziehen gluecklich unser uns zugewiesenes Quartier fuer eine kurze Nacht – im Morgengrauen geht der Alptraum weiter. Fuer die bisherigen 180km haben wir 8.5 Stunden gebraucht… Interessant ist es, zu beobachten, wie die Mitreisenden mit der Situation umgehen – die haeufig in den Seitengraben gerutschten oder umgestuerzten LKWs loesen wahre Begeisterungsstuerme aus – da wird haemisch gelacht und sich quietschvergnuegt gleich die naechste Kippe angezuendet: „Hauptsache, mich hats nicht erwischt“, scheint das Motto zu sein.

Die Strasse zwischen Xingduxiao und Kangding gehoert zu den wohl beeindruckendsten, welche wir bisher gesehen haben. Tief verschneit schlaengelt sie sich durch eine wirklich atemberaubende Bergwelt. Die Sonne lugt gerade ueber die hoechsten Spitzen und taucht die Landschaft in majestaetisches Glitzern und Funkeln. Leider koennen wir diesen Anblick nicht lange geniessen. Auf dem Weg nach unten tauchen wir in eine dicke Wolkenschicht ein – nicht wissend, dass wir fuer eine Woche darunter begraben bleiben sollen….

Nach einer erstaunlich kurzen und stressfreien Fahrt kommen wir noch vor dem Mittagessen in Kangding an. Der erste Eindruck laesst uns die Stadt sofort umbenennen: „Kackding“. Auf das Allerschlimmste gefasst, raeumen wir die Bikes aus dem Kofferraum des Busses und sind reichlich erstaunt darueber, wie gut sie noch aussehen – ein paar Kratzer, das wars aber auch schon. Im schon reichlich liegenden Schnee arbeiten wir uns zu einem Gasthaus vor und mieten uns, Optimisten die wir nun einmal sind, fuer ganze zwei Tage ein. Die Temperaturen im Haus machen jedem Kuehlschrank Konkurrenz.

Das „Zhilam Guesthouse“ der Amerikaner Kris und Steph wird fuer uns zum zweiten Zuhause. Um uns warm zu halten und weil es Spass macht, einmal etwas anderes zu tun, als zu Radeln, helfen wir, zusammen mit den beiden einzigen Gaesten, Melanie und Jessica, bei den noch immer anstehenden Verschoenerungsarbeiten – Waende muessen gestrichen, die Duschkabinen verziert und Blumenkaesten angebracht werden. Als Dank gibt es Kaffee und Kuchen.

Hier treffen wir auch auf Daniel aus der Schweiz. Zusammen mit seiner chinesischen Frau und den gemeinsamen drei Kindern lebt er als Missionar freiwillig in der Stadt. Kackding wandelt sich dank der Begegnungen und Gastfreundschaft wieder zu Kangding. Von Tag zu Tag verlaengern wir unseren Aufenthalt, es schneit unaufhaltsam – eine Seltenheit auch fuer diese Gegend. So bleibt uns genug Zeit fuer Wanderungen, lange Gespraeche und ausgiebige Mittagsmahle mit Daniel, gemuetlichen und lustigen Abenden mit Kris, Steph, deren beiden Toechtern und Melanie und Jessica im gemuetlichen Holzhaus der Familie.

Mit der Anzahl der Tage waechst auch die Unlust weiter zu fahren. Die Luft ist nun definitv raus und nur widerwillig, unter Aufbietung der letzten Kraftreserven, kann ich meinen schlappen Koerper und unwilligen Geist dazu bringen, zusammen mit dem Rest von mir wieder auf das Fahrrad zu steigen und die Reise ins Unbekannte fortzusetzen. Das Unbekannte, Fremde, Neue und Andere, das Unterwegssein – all das, was Reisen so spannend macht, verstaerkt nur meine Unlust. Ich moechte stehenbleiben, innehalten. Das Tief hat mich nun mit voller Wucht erwischt. Da hilft nur Zwang. Weiter, weiter, weiter. Das Wetter ist gut und dieser Umstand muss unbedingt ausgenutzt werden.

Irrfahrt in den Frühling

Etappe 2: Auf Umwegen von Kangding nach Lanzhou

Zunaechst rollen wir 30km westwaerts und vernichten dabei 1000 Hoehenmeter. Ab nun fuehrt uns unser Weg geradewegs nach Norden. Das Ziel heisst: Grosse Mauer. Irgendwo bei Wuwei wollen wir ein paar Ueberreste ausfindig machen und uns dann nach Westen wenden. Und wiedereinmal war ich mit einer Aussage ueber den Streckenverlauf  ein klitzekleinwenig voreilig…

Das Tal Richtung Danba ist Radlers Alptraum. Wir sind mitten in ein infrastrukturelles Grossprojekt geraten. Die ehemals gemuetliche Strasse, die sich weit unten im tief eingeschnittenen Tal entlangschlaengelt wird umgebaut, ersetzt, vergroessert, verfeinert – dazu Bedarf es einer unueberschaubaren Menge an Menschen, Baugeraeten, Baustoffen und LKWs. Asphalt ist nur noch an wenigen Stellen zu entdecken und immerwieder werden wir in noch nicht fertig gestellte Tunnel umgeleitet. Die Fahrt darin ist komplett surreal – orangefarben schimmernd fuehrt eine Betonstrasse abwaerts – kilometerlang. Kein Verkehr. Kein Ton. Nur das Tropfen von der Tunneldecke. Immer dichter werdender Staub und ein immer lauter werdendes Droehnen kuendigen wohl den Mittelpunkt der Erde an. Immer wieder fuehren Abzweige tiefer in den Berg hinein. Wir fahren wie im Traum – die Realitaet scheint nicht mehr zu existieren. Zwischenwelt. Traumwelt.

Draussen holt uns die Realitaet schnell wieder ein. Dieselnde LKWs stauben uns ein…. Doch etwas Gutes hat es doch: Seit wir auf unter 2000m herumradeln, sind die Temperaturen merklich gestiegen, der Fruehling zeigt sich hier und da auch in der kargen Berglandschaft. 15 Grad im positiven Bereich der Skala sind ein Segen nach den nasskalten Tagen der letzten Wochen. Aufatmen. Auftanken . Positiv Denken!

Der 1. April war ein einziger, schlechter Scherz: mit heissem Kopf und Essen, welches nach dem Verzehr sogleich wieder das Licht des Tages suchte. Wir sind zurueck in Danba. Nun zum zweiten Mal. Die Durchfahrt Richtung Norden, nach Maerkang wurde uns verweigert. Die Polizei war zwar freundlich, doch aenderte das nichts an der Tatsache, dass unser Zeitplan immer mehr zur Makulatur wird. Die Route waere perfekt gewesen – wenig Verkehr, keine Paesse und endlich einmal in die richtige Richtung. Nun sehen wir uns gezwungen, einen mehrere hundert Kilometer langen Umweg ueber eine unattraktiv erscheinende Route in die falsche Richtung und ueber hohe Berge zu machen. Da kann man ja nur krank werden – wahrscheinlich, um das Uebel noch ein wenig hinauszuzoegern. Nach 4 Tagen sind wir soweit genesen, dass es weitergehen muss.

Und dann ist er da, der gefuerchtete Pass. Wieder einmal gehts auf 4500m. Zwei Kleinbusse ueberholen uns hupend und heraus quellen rund 15 Leute mit weissen Gesichtern – Ohh Freude! Fast alle sind christliche Amerikaner, unterwegs in China auf einem „Gott-Trip“ (O-Ton), um alle und alles zu segnen. Wir kriegen auch was ab. Auf die Frage hin, ob wir irgendwelche Beschwerden haetten, antworte ich spontan und wahrheitsgemaess: „Mein Hintern schmerzt!“ So wird dieser also gesegnet. Das muss man sich mal vorstellen – auf einer verlassenen Bergstrasse, umzingelt von fremden Menschen, die die Arme erheben und Schmerzfreiheit fuer meinen Po herbeiflehen! Auf das Handauflegen wurde dankenswerter Weise verzichtet. Nach dieser unerwarteten, aber recht sympahtischen Episode kam die Qual – hochhochhoch. Und endlich, nach 7 stunden Plackerei, sind wir oben, es ist 17.30 Uhr, das Wetter schlaegt ploetzlich um, die Temperaturen sinken in den einstelligen Minusbereich. Dichter, nasser Nebel zieht auf. Keine Idealbedingungen also, um die noch vor uns liegenden 70km zu bewaeltigen. Die Strasse verliert schnell an Hoehe, immer wieder halten wir an, um die eingefrorenen Finger und Zehen aufzuwaermen, ziehen alles an, was uns hilft, gegen den eisigen Fahrtwind zu bestehen. Eine dicke Eisschicht ueberzieht Taschen, Fahrrad und uns selbst. Als wir durch einen Tunnel bergabwaerts brettern, liegen am Ausgang jede Menge Truemmerteile herum. Wir ziehen beide unsere Bremsen – was fuer ein grober Fehler! Die Fahrbahn ist mit einer dicken Eiskruste ueberzogen und ehe wir auch nur darueber nachdenken koennen, prallen wir schon darauf und schlittern aus dem Tunnel. Das wir nicht die Einzigen waren, davon zeugen ein beeindruckender Schrottplatz am Tunnelausgang und diverse Einschlagstellen in der Tunnelwand. Was solls. Nix passiert, ausser – und jetzt raecht sich meine Skepsis – mein gesegnetes Hinterteil duerfte wohl in den kommenden Tagen in verschiedenen dunklen Farben schillern und auch Zuzka hat den Aufschlag nicht ganz kratzerfrei ueberstanden. Nach der laengsten Bergabfahrt meines Lebens (unglaubliche 70km) erreichen wir Wolong kurz vor Einbruch der Dunkelheit gegen Sieben. Keine Dusche, aber ein reichhaltiges Abendessen und ein nicht sehr sauberes, aber trockenes Bett bieten unseren mueden und geschundenen Gliedern etwas Erholung. Die ist bitter noetig – am naechsten Tag gehts durch die Heimat der Pandas in erdbebengebeuteltem Gebiet: eine grobschlaechtige, felsuebersaete und verschlammte Piste fuehrt direkt nach Yingxiu, in das Epizentrum des verheerenden Erdbebens vom Mai 2008.

Die Stadt ist dadurch zu einem Symbol des Schreckens, der Machtlosigkeit des Menschens gegenueber der Natur, aber auch zu einem Traum chinesischer Staedteplaner und Architekten geworden. Das Thema „Erdbeben“ wird nun im gesamten Gebiet redlich  fuer den Tourismus ausgeschlachtet. Doch die Ueberlebenden lassen sich nicht unterkriegen. Neues entsteht, manchmal sogar etwas Schoenes, was im Lande der tristen Zweckbauten oder der kitschigen Zuckerbaeckerarchitektur einem Wunder sehr nahe kommt.

Die Menschen, denen wir begegnen, scheinen ehrlich erfreut, sind extrem freundlich und machen uns immer wieder kleine Geschenke – Einladungen zur Uebernachtung, zum Essen, die unvermeidbaren Zigaretten, Fruechte, ein Laecheln. Unser „Nix-Verstehen“ haelt keinen davon ab, uns auszufragen. Das ist oft reichlich schwierig, aber mit der Zeit kennt man die brennendsten Fragen und kann diese auch mehr schlecht als recht beantworten…

„Woher kommt ihr?“ –Wir nennen meist die letzte Stadt – „So weit? Sehr gut.“

„Wohin fahrt ihr?“ – Wir nennen die naechste Stadt – „So weit? Sehr gut.“

„Mit dem Fahrrad?“ – Kopfnicken – „Sehr gut! Das wuerde ich nicht machen. Ich habe ja ein Auto/Motorrad/fahre Bus.“

„Welche Staatsbuergerschaft?“ Ich bin Deutscher, Zuzka ist Tschechin.“ „Ahh, Deutschland. Sehr gut! Mercedes – sehr gut! Tschechien? Kenn ich nicht!“

„Welcher Beruf?“ „Haus bauen.“ „Ahh, Bauwesen! Sehr gut! Ich auch.“

„Wie alt seid ihr?“ „Ich 33, Zuzka 29.“ „Aha.“

„Verheiratet?“ „ Ja.“ „Sehr gut!“

„Wieviele Kinder?“  „Keine.“ „Keine? Seid ihr krank?“

….

So liebenswert die Menschen hier sind, so sehr aehneln sich aber auch die Landschaften und die darin eingebetteten, von Baufahrzeugen und Baulaerm beherrschten Orte. Es scheint, dass wir nicht richtig vom Fleck kommen, und das Radfahren ist hier wahrlich kein Zuckerschlecken, und wird mehr weniger zur Pflichtuebung. Auf der Strasse versteht keiner mehr Spass. Da wird der Mensch zum Tier. Darwinismus in Reinform. Fressen oder gefressen werden.

Nach einigen verkehrs- und ereignisarmen Tagen treffen wir in Songpan ein, nur um gleich mitgeteilt zu bekommen, dass unsere Weiterfahrt Richtung Zoige nicht moeglich sein wird, da auch diese Strasse fuer Auslaender gesperrt ist und dies scharf ueberwacht wird. Ja darf das denn wahr sein? Zornig stuermen wir ins lokale PSB, Public Security Bureau (der fuer uns zustaendigen Polizei), nur um dort das Dilemma in gebrochenem Englisch und  recht unwirsch bestaetigt zu bekommen. Wir kommen auch hier nicht weiter. Warum wir denn nicht den Bus nach Chengdu nehmen, will die aufgeblasene Uniform wissen. Und ueberhaupt, ob wir auch immer brav unsere Polizeilichen Meldeformulare in den Herbergen ausfuellen? Wir gehen doch immer nur in die fuer Auslaender zugelassenen Unterkuenfte? Jaja….du kannst uns mal!

Nun ist guter Rat teuer. Beim abendlichen Kartenstudium faellt uns noch ein allerletzter moeglicher Weg auf, natuerlich wieder ein Umweg, ganz klar wieder ueber die Berge, aber in der uns enteilenden Zeit noch machbar. Ein neuer und letzter Versuch…. Die Landschaft ist wunderschoen, leider entstellt von riesigen Werbeplakaten, auf denen unter anderem deutsche Qualitaetshersteller fuer ihre Produkte werben.

Wir wechseln die Provinz: raus aus Sichuan und rein nach Gansu. Das Laecheln auf den Gesichtern der Menschen ist ploetzlich verschwunden, gegruesst werden wir nur noch sehr selten. Stattdessen werden wir aus stumpfsinnigen Augen, mit halb geoeffneten Muendern entgeistert angestarrt. Wie Fische auf dem Trockenen. Scheu, aermlich und abgerissen – wie die Landschaft, so die Menschen. Sie leben, umgeben von grellbuntem Muell und roetlich-braunem Staub in tief eingeschnittenen Taelern, ueber denen selbst bei bestem Wetter kein blauer Himmel strahlt, sondern Dunst die Sonne verschleiert. Es herrscht keine melancholische Herbststimmung, sondern eher tiefe Resignation

Seit geraumer Zeit werden wir von einer Motor-Rikscha verfolgt. Der Fahrer glotzt aber nicht bloede, sondern spricht uns immer wieder an. In einer Art Englisch. Er gibt uns zu verstehen, ihm zu folgen und da wir gerade nichts Besseres zu tun haben, machen wir das auch. Schliesslich findet er uns eine guenstige Unterkunft (die Betten sind sauber, das Plumpsklo ist im Schweinestall (oder lebt die Sau im Plumpsklo?)) und laedt uns gleich in seine Rikscha und zu sich nach Hause zum Abendessen ein. Aus diesem wird schliesslich ein langer Abend bei sehr sehr leckerem Essen, viel zu viel Rauchwerk, Schnaps und chinesischem Kartenspiel – immer wieder tatkraeftig unterstuetzt von der neugierigen, immer wieder wechselnden Nachbarschaft, die es sich im Wohnzimmer unseres Gastgebers Liu und seiner schwangeren Frau Gong ungefragt bequem macht. Die beiden frisch Vermaehlten haben noch einen englisch sprechenden Freund, Li, ein angehender Tierarzt, eingeladen und so steht einem gut gelaunten Abend nichts mehr im Wege. Auf dem Weg zurueck in die Herberge gibt es noch die lokale Spezialitaet – Schaf scharf. Um diese Delikatesse kommt man in dieser, grossteils von Muslimen bevoelkerten Region, nicht herum. Schaf, Lamm, Hammel – frueh, mittags und abends. Reis wird von Nudeln verdraengt, sehr zu Zuzkas Leidwesen.

Wir verabreden uns fuer 7 Uhr am naechsten Morgen zum Fruehstueck auf dem Markt. Puenktlich, also gegen 7.30 Uhr, trudeln Liu und Li bei uns ein und wir schlendern zum Fruehstueck. Breitbandnudeln und scharfe Sosse brennen uns im ersten Gang die Geschmacksknospen weg, danach folgt eine Gemuesesuppe. Weiter geht es zur naechsten Spezialitaet – Fladenbrot gefuellt mit Fleisch und Fett. Rein visuell erinnert das Gebilde an eine Kreuzung aus Doener „ohne Alles, doppelt Fleisch“ und einem traditionellen Hamburger. Doch die Mischung machts – zur Frikadelle wird gezuckerter Brei aus schwarzem Reis gereicht: Ein unwiderstehliches Fruestueckchen!

Und dann: Abschied und ein erneutes Spiesrutenfahren durch das “Spalier der Bloedsinnigen”!

Die Berge um uns her sind stark terrassiert, bis hinauf auf die hoechsten Gipfel. Auf jedem auch nur leidlich bestellbaren Quadratmeter Erde werden Raps, Getreide, Kartoffeln und Gemuese angebaut. Kein Zipfelchen Land liegt brach. Selbst die Randstreifen auf den Fernverkehrsstrassen sind bebaut…. Ich sehe viele alte Menschen, tief gebeugt von den schweren Lasten und der harten Feldarbeit, die hier noch mit der Kraft von Mensch und Tier bewaeltigt werden muss. Die Sonne hat die Haut der ausgezehrten Gesichter dunkel gegerbt und tiefe Furchen hinterlassen. Keiner scheint sich um diese aermlich gekleideten Alten zu kuemmern – stattdessen durchsuchen sie den Muell am Wegesrand nach wiederverwertbarem Material oder schinden sich mit viel zu harter Arbeit ab. Junge Menschen hingegen sieht man sehr selten – wohl auf der Suche nach besseren Moeglichkeiten gingen sie auf Wanderschaft in die Staedte oder andere Provinzen…

Letzlich kommen wir doch noch in Lanzhou an. Aus dem geplanten mehrtaegigen Aufenthalt wird lediglich ein mehrstuendiger. Die Hauptstadt von Gansu hat so rein gar nichts, was uns zum Bleiben animieren wuerde und fuer eine Weiterfahrt bis zur Grossen Mauer bleibt uns nicht mehr genuegend Zeit.

Danba

Im Westen zuviel Neues

Etappe 3: Auf grosser Fahrt von Lanzhou nach Kashgar

So kaufen wir uns ein Bahnticket nach Turpan. Den Grossteil des Gepaecks und die Raeder senden wir mit der Bahn voraus nach Kashgar. Das alles stellt sich als leichter heraus als erwartet und so sehen wir auch der Bahnfahrt recht entspannt entgegen. Wie sich zeigt, haben wir dazu auch allen Grund: Fuer gut 30 Euro pro Person stellt man uns fuer die 20 Stunden-Fahrt je ein Bett im offenen 6er-Abteil zur Verfuegung. Das in den Waggons Zucht und Ordnung herrscht, dafuer sorgen eifrige Zugbegleiterinnen – kein Spucken, kein Rauchen, keine Schuhe im Bett! Die Fahrt ueber Nacht vergeht fast wie im Flug – nur angenehmer. Die Mitreisenden sind fast ausschliesslich chinesischer und uigurischer Mittelstand – Geschaeftsleute, Familien und Touristen auf dem Weg in Chinas “Wilden Westen.“ Dank zweier Geschaeftsleute mit Englisch-Kenntnissen, weiss bald der ganze Wagon ueber uns und unser „Woher und Wohin“ Bescheid. Zu den muslimischen Gebetszeiten wird es fuer kurze Zeit hektisch, bis jeder einen Platz fuer seinen kleinen Teppich auf den schmalen Gaengen gefunden hat.

In Turpan haben wir Glueck – vor dem Bahnhof steht der einzige Langstreckenbus des Tages nach Kashgar und dieser hat doch, nach langem Hin und Her, tatsaechlich noch zwei Betten fuer uns frei. Ein Zugticket haette es erst fuer den uebernaechsten Tag gegeben und recht einladend sieht es auf dem Bahnhofsvorplatz, 60km von der Stadt entfernt, nicht aus…. Also 26 Stunden Bett-Busfahrt. Das ist mit guten 20 Euro pro Person sogar noch guenstiger als Zugfahren, wenn auch nicht ganz so entspannt und komfortabel…. Die Doppelstock-Betten sind schmal und kurz, des Hintermanns nackten Fuss‘ entstroemen giftige Gase und zum Pinkeln muss angehalten werden. Mitten in der Wueste. Den vielen Maennern macht das wenig aus, sie stellen sich einfach rauchend und schwatzend nebeneinander hinter den Bus und entleeren sich auf die staubige Piste. Die wenigen Frauen hingegen irren auf der Suche nach geeigneten Verstecken wie ein veraengstigter Haufen Huehner umher…  Doch auch die schoenste Reise muss einmal ein Ende haben und so finden wir uns schlussendlich in Kashgar wieder.

Herrlich ist das! Das ist definitiv nicht China. Abgesehen von den hier angesiedelten Chinesen. Der Westen ist das Gebiet der Uiguren, eine weitere der vielen ethnischen Minderheiten im Chinesischen Grossreich. Die Menschen sprechen eine mit dem Tuerkischen verwandte Sprache, schreiben mit einem stark ans arabisch angelehnten Alphabet und sehen ganz und gar nicht aus wie Chinesen. Und sie fuehlen sich auch nicht so… Hier, wie auch schon in den tibetischen Gebieten, herrscht aufgrund dessen eine gewisse Grundspannung, welche sich immer wieder in Aufstaenden entlaedt.

Uns gefaellt es hier auf Anhieb. Wie Verdurstende stuerzen wir uns in das bunte Getuemmel der Altstadt, umgeben von exotischen Dueften und Klaengen, dem Wohlklang der uigurischen Sprache und dem offenen Laecheln in den fremdartigen Gesichtern. Es ist ein andere Welt hier, an einem der Hauptknotenpunkte des alten Seidenstrassen-Netzes. Wir fuehlen uns hineinversetzt in die Geschichten von Marco Polo und die Maerchen aus 1001 Nacht… Die Highlights sind sicherlich der wuselige Sonntagsmarkt und der vielfotografierte Tiermarkt. Hier gehen uns Europaeern die Augen ueber und die Sinne koennen die Flut der Eindruecke kaum verarbeiten. Leider ist von dem uns so faszinierenden „Alten Kashgar“ nicht mehr viel uebrig. Die Stadt waechst unaufhaltsam und grosse Teile der Altstadt fielen und fallen der Abrissbirne zum Opfer und machen damit Platz fuer eine weitere, typisch chinesische, gesichtslos-moderne Hochhausstadt.

Der wichtigste Bestandteil der hiesigen Kueche ist wohl Fleisch. Fast ausschliesslich vom Hammel. Hinzu kommt die Vorliebe fuer Nudeln aller Art, deren schwungvolle Zubereitung eine kuenstleriche Darbietung erster Klasse ist. Kebabs, „Kawaps“, haben nichts mit ihren Namensvettern in Deutschland zu tun, sondern sind das, was man bei uns allgemein als Schaschlik bezeichnet – aufgespiesstes Schaffleisch, dicke Fettbrocken, Leberstueckchen und ab und an ein wenig Zwiebel zur Deckung des Vitaminbedarfs.

Wir essen gern hier – laben uns am Morgen an Samsa, in einem „Tonur“ genannten Lehmziegelofen gebackene Teigteilchen, gefuellt mit den unvermeidlichen, gehackten Schafsbestandteilen und gelegentlich Gemuese. Die Einheimischen lieben ihre Kueche und bestehen immer wieder darauf, uns diese naeher zu bringen. Wer anschliessend bezahlen will, sollte ueber gutes Durchsetzungsvermoegen verfuegen oder vorher einen schriftlichen Vertrag abgeschlossen haben. Wer es exotisch mag, findet auf dem Nachtmarkt  gekochte Schafskoepfe, grosse Ringelwuerste voller zermatschter Innereien, Schafshoden und aehnliche Gaumenfreuden. Wir halten uns eher an die vertraeglicheren „Laghmen“ (Spaghetti Bolognese), „Somiyen“ (Kurzform der vorgenannten) oder „Alahida Polo“ (Zuzkas Favorit – Reis, gekocht mit getrockneten Fruechten und Nuessen, verfeinert mit orientalischen Gewuerzen, dazu frischer Joghurt und geraspelte Moehrchen) und sind froh darueber, dass uns unser Essen nicht aus trueben Augen anstarrt.

Es ist extrem einfach Bekanntschaften zu machen. Die Einheimischen sind sehr offen und kontaktfreudig, ehrlich an unserer Person oder zumindest an einem vermeintlich guten Geschaeft interessiert… In den ersten Tagen unseres Aufenthaltes lernen wir die Betreiber des “Gallery Cafe‘ ” kennen, welches fuer uns schnell zum Kommunikationszentrum, Wohnzimmer und zur Kaffee-Infusions-Station wird. Chris aus der Schweiz, Tibo aus Frankreich und Anwar, stolzer Uigure – das sind die Maenner der Stunde! Mit Rat und Tat stehen sie uns zur Seite und versuessen uns den Aufenthalt mit viel Humor und Bananen-Shakes.

Kamil, der Manager des benachbarten “Turan” Restaurants, verbringt seine langen Tage auch lieber im Dunstkreis des Cafes und so bilden wir 6 die taegliche Stammbesatzung, draussen auf den Stufen, sitzen da wie bestellt und nicht abgeholt.

Auch noch nicht abgeholt haben wir unsere neuen Paesse mit den so wichtigen Visas fuer Zentralasien. Rechtzeitig in Deutschland abgeschickt, kamen sie schon vor unserem Eintreffen in Kashgar an. Nach dem ersten Zustellversuch entschloss sich die Chinesische Post spontan, dass die angegebene Adresse nicht existiere und die Paesse umgehend nach Deutschland zurueckzusenden seien. Nun warten wir auf die Express-Lieferung von DHL – unser Visum fuer China lauft in wenigen Tagen aus und wir werden langsam ein wenig nervoes. Beim naechsten Mal wissen wir es besser: Einer der ansaessigen Touranbieter, Abdul Wahab, bietet fuer ein kleines Entgeld den passenden Service an – Empfang und Aufbewahrung von Briefen, Einschreiben, Paketen.

Das uns auf keinen Fall langweilig wird, dafuer sorgt auch Lehrer Ed und rund 120 Kinder der Chinesischen Schule. Ihn treffen wir auf der Strasse und er ueberredet uns, am Tag der offenen Tuer in seiner Schule Werbung fuer den Englisch-Unterricht zu machen. Warum nicht? Das kann ja nur interessant werden. So gehen wir denn am 1. Mai arbeiten. Unterrichten. Klingt gut? Ist es auch! Es dauert lediglich eine halbe Stunde, bis alle Schueler und die neugierigen Eltern ihre Plaetze eingenommen, uns im Chor mit „Hello Teacher Jens und Teacher Zuzka“ begruesst haben, um sofort wieder in einen disziplinlosen Haufen gackernder Kinder zu zerfallen. Die anwesenden Lehrer haben so ihre liebe Muehe, ein gewisses Mass an Ruhe herzustellen – etwas, was ich von einer chinesischen Schule nicht im Geringsten erwartet haette! Irgendwie schaffen wir es dann aber doch, einwenig ueber uns und die Reise zu erzaehlen (Was dann ins chinesische uebersetzt wird), zeigen Fotos, die auf reges Interesse stossen, spielen ein paar Lernspiele und nach einer Stunde beginnt dann das, worauf alle gewartet zu haben scheinen – die Fotostunde! Lediglich wir sind unwissend. Jedes der Kinder schuettelt uns die Hand, und ueberreicht Geschenke – einen Apfel oder einen ganzen Wochenendeinkauf aus dem Supermarkt – dann werden aus allen Richtungen und ueberwiegend mit zur Telekommunikation bestimmten Geraeten, Fotos geschossen. Am Ende stehen wir tief geruehrt und schwitzend da, mit rund 20kg Keksen, Fruechten, getrockneten Algen, Nuessen, haarigem Rindfleisch, zuckrigen Getraenken und selbstgebastelten Gluecksbringern. Zum kroenenden Abschluss laedt uns der Verantwortliche fuer Oeffentlichkeitsarbeit an der Schule, Mr. Lee, in ein Nobelrestaurant zum Essen ein und bestellt soviel, dass wir noch am Abend und am naechsten Morgen von den eingepackten Resten zehren koennen…

Zu guter Letzt: Auf dem allerletzten Druecker kommen die Paesse mit unseren Visas doch noch an und wir sagen „Adieu China“ und „Hallo Kirgistan“!!! Wir lassen die wohltuende Hitze der Wueste hinter uns und stellen uns neuen Herausforderungen in der kalten Bergwelt Zentralasiens…

Unser grosser Dank geht an Laura und Swetlana vom Russland-Reisebuero Hohnstein in Zwickau, die uns bei der Beschaffung der notwendigen Visas und Sondergenehmigungen tatkraeftig unterstuetzt haben!

Pause

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Von Shangri-La nach Litang

Nach geraumer Zeit des Wartens im liebenswerten, weil zu dieser Jahreszeit schlecht besuchten und daher sehr entspannten Shangri-La, legen wir uns auf ein Startdatum fest. Das Wetter ist sowieso unberechenbar, und bis zum Sommer Warten koennen wir nicht, auch wenn das Herumstrolchen in den Gassen der Stadt, das muehselige Uebersetzen der Speisekarte in unserem Stammrestaurant und das Streicheln des Huskys, welcher unsere Fahrraeder bewacht, einen gewissen Reiz auf uns ausuebt.

Waehrend wir unsere Raeder bepacken, marschiert in der Stadt ein gewaltiges Aufgebot an Polizei in Vollmontur, mit Langstoecken bewaffnet und Militaer in Panzerwagen auf. In Kuerze jaehrt sich der Tag des Tibet-Aufstandes zum dritten Mal. Wir machen, dass wir wegkommen…

Und so starten wir in dichtem Schneegestoeber gen Norden, rutschen auf eisigen Pisten ein paar Huegel hinunter und waermen uns an den Oefen der Einheimischen bei koestlich mundenden  Nudelsuppen die klammen Finger. Das Wetter ist weiterhin in Spiellaune und haelt so manche Ueberraschung bereit. Mal Regen (wenig), mal Sonne (sehr viel), Schnee (manchmal), Sturmboen oder laues Lueftchen – nie weiss man, woran man ist.

Die Kuehe haben sich einen dicken Fellmantel uebergezogen und heissen ab sofort „Yak“ (Die Hipiies unter den Kuehen). Selbst die ueberall herumstrolchenden schwarzen Schweine kleiden sich nun witterungsgerecht und heissen weiterhin „Schwein“. Auch wir muessen uns einen anderen Umgang mit unserer Lieblingssportart angewoehnen. Die Luft wird zunehmend duenner, die Temperaturen niedriger und die Strassen schlechter.

Die Tibeter sind uns gleich symphatisch. Freundlich und fast immer ein Laecheln im braun gebrannten Gesicht. Die Kleidung schwankt zwischen traditionell und modern – meist ein kruder Mix aus Beidem. Die Maenner bevorzugen gefuetterte Lederstiefel mit bunten Verzierungen, Jeans, Outdoorjacke und Fellmuetze, als modisches Accesoire die Topgun-Brille und immer die brennende Kippe im Mundwinkel. Bei den Frauen lugen unter den langaermeligen, knoechellangen Yakfell-Maenteln die Stoeckelschuehchen hervor, am Handgelenk baumelt das Handy.

Die Architektur setzt bunte Akzente vor dem brau-grau-gruenen Hintergrund der gewaltigen Bergwelten. Reich verziert sind vor allem die aus Holz kunstvoll gearbeiteten Fensterrahmen und –laibungen, die Eingangsportale und Dachabschluesse der wie Trutzburgen erscheinenden Haeuser.

Die Fahrt ist die unserer persoenlichen Rekorde: immer hoeher, immer kaelter, immer herausfordernder – Immer schoener! Besseres Wetter haetten wir uns kaum wuenschen koennen. Das Warten hat sich gelohnt. Was will man mehr!

Wer genaueres wissen will, dem seien die nachfolgenden Tagebucheintraege dieser grandiosen Woche empfohlen. Die Dia-Show gibt es, wie immer, am Schluss!

 

12.-18.03.2011, 7 Tage, 462km, 8300 Hoehenmeter, Durchschnittshoehe: 3500- 4000muM, Tagestemperaturen zwischen 0 und 12 Grad, Nachttemperaturen zwischen -10 und -15 Grad, Wind meist aus sued-suedwestlicher Richtung, Strassen und Passuebergaenge: schnee- und eisfrei

Tag 1 Von Shangri-La nach Pushang / 52km / 500Hm

Start bei 0 Grad und Schneegestoeber. Kurze Zeit spaeter Sonne, dann wieder Schnee. Wir biegen falsch ab, verfahren uns auf lustigen Schlammpisten und finden am Ende eine unsaeglich beschissene Bleibe in einem unsaeglich beschissenen Nicht-Ort. Pushang oder Gezan, niemand weiss es so richtig. Am Abend faellt der Matsch vom Himmel, in der Nacht ist es feucht und kalt. Gefuehlte -30 Grad, in Wirklichkeit vielleicht -10. Das faengt ja gut an.

Tag 2 Von Pushang nach Wengshui / 74km / 1400Hm

Die Pfuetzen sind gefroren, der Himmel haengt grau und wolkenreich eine handbreit ueber unseren Koepfen. Doch es geht nach oben und damit dem Himmel entgegen. Blau begruesst er uns nach ermuedendem Anstieg auf den ersten Pass, die Sonne waermt uns die Glieder und wir treffen auf zwei Chinesen, Xiao Xiao und Chuan Yue, die mit ihren Fahrraedern auf dem Weg von Lijiang nach Lhasa sind. In Wengshui finden wir ein heimeliges Stuebchen, bunt angemalt und vor allem warm. Das Fenster geht zum Innenhof hin, welcher mit einer Glaskuppel gedeckt ist, somit also eine Art Wintergarten bildet. Als sehr vorteilhaft empfinden wir die Tatsache, dass zu den Fremdenzimmern auch ein kleines Ess-Stuebchen gehoert.

Tag 3 Von Wengshui bis 20km vor Ranwu / 66km / 1650Hm

Im Nachhinein betrachtet der anstrengendste Tag unserer bisherigen Reise. Gluecklicherweise sind wir so clever, und lassen uns eine Riesenportion Gebratenen Reis mitgeben…. Nach 10km endet die Strasse und ein unbeschreibliches Etwas stellt uns und das Material fuer die naechsten 80km auf eine harte Probe. Es geht hoch. Soviel wissen wir ja. Wir arbeiten uns auf die versprochenen 4327m empor und freuen uns schon auf die Abfahrt. Pustekuchen! Zum Einen kann man auf einen mit Felsbrocken uebersaeten, in Schlamm oder knoechelhohen Staub gebeteten Gebirgspfad nicht von Abfahrt sprechen, zum Anderen wird eine Abfahrt im Allgemeinen von Gegenanstiegen, welche auf einen zweiten, dann, schon im Dunkeln, auf einen dritten Pass fuehren, wesentlich erschwert. Bei 3800m, kurz hinter dem dritten Pass, finden wir einen nicht von ploetzlichem Steinschlag oder Hangrutschen gefaehrdeten, fast perfekten Platz fuer unser Zelt. Kochen, Zelt aufbauen, Einmummeln. Letzteres ist auch bitter noetig, wie sich bald heraus stellt. Mir brummt der Schaedel, vor Anstrengung und wohl auch der Hoehe, aber eine Aspirin, ein Becher heissen Tees und eine Schuessel Haferflockenbrei verschaffen Linderung. Gemuetlich ist es in unserer Hoehle, draussen knistern die Schneeflocken auf der Zelthaut, der Wind pfeift eisig durch die Wipfel der Baeume und ab und an quaelt sich ein schwerer LKW ueber die nahe Piste zum Pass empor.

Tag 4 Vom Pass nach Xiangcheng / 53km / 450Hm

Am Morgen weckt uns die Sonne gegen 8 Uhr. Wir sind froh darueber, dass das Thermometer -9 Grad im Zelt anzeigt, und wir somit noch ein Steundchen doesen koennen. Draussen erwartet uns eine Winterlandschaft, die nach dem langwierigen Packen, Trocknen und Fruehstuecken (Gebratener Reis, gefroren) schon wieder verschwunden ist. Nun stehen die letzten 20km Rumpelpiste, 1200m hinunter ins Tal nach Ranwu, bevor… Hochzu waren wir fast genauso „schnell“. Wir haben gestern die Provinzgrenze von Yunnan nach Sichuan ueberquert. Man merkt das sehr schnell an der veraenderten Architektur. Die Hauser sind meist zweistoeckig, mit einem L-foermigen Aufbau. Die Flachdaecher werden als Terrasse und Flaeche zum Trocknen der Ernte genutzt. Ueberall wird gebaut und so ist man in der gluecklichen Lage, den Entstehungsprozess sehr gut nachvollziehen zu koennen. Bruchstein bildet Fundament und Sockel, dann folgen 2m dicke, sich nach oben hin verjuengende Waende aus Stampflehm, der mit einem Paddel-aehnlichen Geraet verdichtet wird. Besonders auffaellig sind die reich verzierten Fenster und deren Laibungen, mit Schnitzereinen versehen und farbenpraechtig angemalt. Das Weiss der Fassaden wird aus alten Teekannen einfach ueber die Waende geschuettet….

Wie solch ein Haus von Innen aussieht, sehen wir in Xiangcheng. Hier werden wir bei der Ankunft von Frauen und Maennern umzingelt, die uns in ihre Unterkunft „bitten“. Letztlich entscheiden wir uns fuer das traditionelle tibetanische Haus und bereuen dies nicht, auch wenn es noch mehr einer Baustelle gleicht, als einer konkurrenzfaehigen „Backpacker-Lodge“. Im kleinen, doch reich verzierten Zimmer traeumt es sich sehr angenehm.

Tag 5 Von Xiangcheng bis 10km hinter Sagong, Werkhof der Strassenwacht / 42km / 1000Hm

Ein gemuetlicher Tag beginnt mit Ausschlafen und einem guten Fruehstueck. Selbst Xiao Xiao und Kumpel Chuan Yue sind spaet auf den Beinen, da heute, zur Abwechslung, mal kein Pass auf dem Programm steht. Wir Fruehstuecken gemeinsam, was unseren Speiseplan ungemein bereichert, da man in China in perfektem Chinesisch einfach genau das Bestellen kann, was man Essen will. In gemuetlichem Auf und Ab schlendern wir, heute zu viert, durch das Tal des Xiangcheng Flusses, halten oft fuer Fotos oder, im Falle der beiden Chinesen, auf einen kleinen Schwatz mit den Neugierigen am Wegesrand. Gegen Abend passieren wir eine der zahlreichen Polizei-Kontrollpunkte. Hier geht es immer absolut professionell zu. „Woher?“ und „Wohin?“ will man wissen, dazu Passkontrolle und das Aufnehmen unserer Angaben in ein kleines Buechlein. Von dem vor uns liegenden Pass wissen wir von unseren Freunden Gab und Kyoko, die sich eine Woche vor uns an dieser Strecke abmuehten, um rechtzeitig ihr Visum verlaengern zu koennen. Aufgrund dessen entschliessen wir uns, nach einem kurzen Aufstieg Feierabend zu machen. An einer Art Werkhof fragen wir nach einer Campingmoeglichkeit und werden sofort herzlich aufgenommen. Waehrend es sich unsere beiden Weggefaehrten in der aermlichen, aber warmen Huette des Strassenwarts gemuetlich machen, verkriechen wir uns in unseren gruenen Palast und durchstehen die eisige Nacht in kuschelig warmen Schlafsaecken…

Tag 6 Vom Werkhof nach Sangdui / 45km / 1400Hm

Hoch. Hoch. Hoch. Und dann doch noch runter. Quaelend langsam klettern wir Kurve um Kurve, Serpentine um Serpentine nach oben, dafuer bleibt aber noch Zeit genug, uns am Flug mehrerer praechtiger Adler zu ergoetzen. Die Vegetation lichtet sich langsam, bei gut 4500m ist ploetzlich ganz Schluss mit dem Wachstum. Dafuer windet es maechtig. Den ganzen Tag lang blauer Himmel, nicht das kleinste Woelckchen ist zu sehen. Auf ueber 4700m blaest es so heftig, dass kaum Zeit fuers obligatorische „Gipfelfoto“ bleibt. Die Sicht ist gigantisch. Die trockene, kristallklare Luft und das gute Wetter lassen kilometerweite, ungetruebte Ausblicke auf nahe und ferne Gebirgsketten zu. Nebenan knattern die Gebetsfahnen im Wind. Hinab nach Sangdui. Ein trostloser Ort, ein kaltes Zimmerchen, ein waermender Tee am einzigen Ofen des Gasthauses…

Tag 7 Von Sangdui nach Litang / 130km / 1900Hm

Eigentlich war ein Abstecher ins nur 30km entfernte Daocheng geplant, allerdings verbietet uns die oertliche Polizei die Fahrt, angeblich wegen von Steinschlag gefaehrdeter Strasse. Die beiden Chinesen duerfen fahren… So folgt also unser Abschied von Xiao und Chuan Yue. Falls irgend jemand glaubt, Chinesen haetten keinen Humor, so wuerde ihn ein einziger Tag zusammen mit den Beiden eines Besseren belehren. Vor allem der kleine, langhaarige Yue ist ein energiegeladener Wirbelwind. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache, haben aber dank tagefuellendem gestenreichem Pantomimeprogramm jede Menge Spass miteinander.

So machen wir uns zu zweit auf den Weg, weiter Richtung Litang. Nach kurzem Anstieg fahren wir stundenlang durch eine surreal anmutende Hochebene (4600m), in der von gigantischen Gletscherzungen rundgelutschte Riesenkiesel wild durcheinander liegen. Gluecklicherweise hat hier noch niemand aufgeraeumt. Der Abfahrt folgt ein graubraunes Hochtal, eine Steppenlandschaft auf der friedlich Yaks und Pferde grasen, und, ganz und gar unfriedlich, ploetzlich zwei Huetehunde auf mich zurasen, sich im Handumdrehen jeder eines meiner, noch zwei Beine aussuchen und versuchen, diese anzuknabbern. Mir bleibt nichts anderes uebrig, als aus ganzem Hals bruellend, in voller Fahrt nach links und rechts zu treten, um mir die Biester irgendwie vom Hals zu halten. Nach ein paar hundert Metern lassen sie dann endlich von mir ab. Mir schlaegt das Herz bis zum Hals und wuetend sammle ich ein paar Steine auf und stopfe sie in meine Rahmentasche, fuer den Fall der Faelle… Einmal quer durch das Tal geradelt muessen wir natuerlich auf der anderen Seite wieder hoch. Wieder ueber 4700m, doch diesmal mit immer dunkler werdenden Wolkentuermen, die uns langsam aber sicher einholen. Die kommende Abfahrt erleichtert unsere Flucht ungemein und wir suchen in den naechsten Orten nach einem Unterschlupf. Leider vergeblich. In Jiawa, nach knapp 100km, verweist man uns auf das rund 30km entfernt liegende Litang. Die Fragen nach Alternativen Unterkunftsmoeglichkeiten oder Campieren bleiben unbeantwortet. Unsere Hoffnungen ruhen auf den zwei maechtigen Kloestern, die man schon aus der Ferne sehen kann, werden allerdings schnell zerstaeubt, als wir in der Siedlung auf deren minderjaehrige Bewohner treffen. Grueppchenweise versuchen sie unsere Taschen von den Raedern zu zerren, machen unflaetige Gesten, schubsen und schmeissen mit allem, was ihnen in die kleinen Patschehaendchen kommt. Auch die Einheimischen werden nicht von den Teenie-Moenchsbanden verschont und erwehren sich dieser dreisten Rotzbengel, indem sie mit Steinen nach ihnen werfen oder mit grossen Knueppeln Pruegel androhen. Also faellt das Kloster als Uebernachtungsmoeglichkeit fuer uns aus. Nach einer staerkenden Nudelsuppe geht es hinaus ins schnell dunkel werdende Unbekannte . In den kommenden Stunden zaehlen wir Kilometer um Kilometer und fahren aus reinster Willenskraft weiter. Das Tal ist zu eng zum Campieren. Das Licht geht nun ganz aus, dafuer schneit es kraeftig und die vorbeischiessende Schneeflocken, die einen irren Tanz im Lichtkegel der Stirnlampen auffuehren, lassen uns die Strasse kaum noch erkennen.

Letzten Endes erreichen wir unser Ziel. Der Schnee hat sich wieder verzogen, ein fast runder Mond erhellt die Nacht und unsere Einfahrt ins vor Polizei nur so strotzende Litang. Doch die Beamten lassen sich nicht lumpen und geleiten uns zu einem kleinen, feinen Hostel, wo wir nach ein paar Schalen Buttertee und einer Schuessel „Zanba“ in einen tiefen Schlaf fallen…

Zanba = Aus geroesteter Qingke-Gerste (spezielles Hochland-Getreide), Yakbutter, Hartkaese und Wasser hergestellter, nicht unwohl schmeckender Brei.

Litang versprueht einen rauhen Charme und hat so rein gar nichts mehr von der Weichspuelatmosphaere eines gut vermarkteten Shangri-La oder Dali. Dafuer jede Menge Authentizitaet und eine Umgebung, die einen magisch in ihren Bann schlaegt.

Die lokale Kueche bringt wieder einmal Abwechslung in unseren Speiseplan. So stehen nun Kaese in verschiedenen Darreichungsformen, mit Yak-Fleisch und Gemuese gefuellte Teigfladen und Baotzi mit Kaesefuellung und suesser Kondensmilch auf unserem „Tisch“.

Wir ruhen uns hier aus und schauen mal, wie wir weiterfahren wollen…

Kulissenlandschaft

 

Die Stationen des ersten Monats China: Kunming – Dali – Shangri-La

1. Von Hanoi nach Kunming

Wir koennen  es kaum mehr erwarten nach China zu kommen. Auch die in unser Zimmer integrierte Toilette des Nachbarraumes, mit Waenden, die nicht bis zur Decke reichen und die damit verbundenen Geraeusche und Gerueche, koennen daran nichts aendern.

Die letzte Nudelsuppe in der vietnamesischen Stadt Lao Cai ist geschluerft, dann fahren wir zur Grenze. Mehrere Reisende haben uns vor der zu erwartenden Prozedur und unwillkuerlichen Gepaeckkontrollen – bis hin zu den Fotos auf Festplatten und der Untersuchung der Kamera-Speicherchips, gewarnt. Doch alles verlaeuft freundlich und zeitgemaess – die Einreiseformulare muessen nicht per Hand ausgefuellt werden, sondern werden nach dem Einscannen des Passes direkt von einem kleinen Drucker ausgespuckt. Ein kleiner Schwatz mit dem Zollbeamten, ein kurzer Scan unseres Gepaecks und mit mehreren ueberschwenglichen „Welcome to China“ entlassen uns die Beamten in ihr riesiges Land. Dort beladen wir erneut unsere Raeder, dicht umringt von einer neugierigen Schar Passanten. Einer traut sich dann doch und fragt uns nach dem Woher und Wohin. Der Rest starrt uns an.

Kaum der staubigen Grenzstadt entronnen, beginnt der schoene Teil des Tages. Die Aufregung vor dem Grenzuebertritt hat sich gelegt, die Sonne scheint und bei 30 Grad radeln wir auf der alten Landstrasse immer in Sichtweite des Roten Flusses dem Abenteuer China entgegen. Ein wenig fuehlen wir uns wie an einem Spaetsommertag in dem von uns so innig geliebten Tessin, sanfte Huegel, hohe Berge, ein warmer Wind und fallendes Laub. Und es ist still geworden. Kaum Verkehr, wenig Geschrei. Und noch viel weniger „Hellos“, die beantwortet werden wollen. Entlang des Flusses gedeihen Bananen und Ananas, welche mit Maultieren und kleinen Pferden zu den Sammelstationen transportiert werden. Am Nachmittag erreichen wir einen recht verdreckten Ort, der allerdings seit langem vermisste kulinarische Vielfalt bietet, welcher wir uns hingebungsvoll widmen. Einen schoeneren Empfang konnten wir uns hier nicht vorstellen. Dieser wird auch nicht durch die anscheinend obligatorische Polizeikontrolle am Stadtrand geschmaelert.  Die freundlichen Polizisten erproben ihre Englisch-Kenntnisse an uns und statten uns mit mehreren Litern frischen Trinkwassers aus. Wie schon so oft auf unserem Weg gilt auch hier: Die Polizei, dein Freund und Helfer. Zumindest bis jetzt.

Danach fuehrt uns der Weg in die Berge. Die Szenerie ist beeindruckend, die Landschaft von jahrtausendelanger Kultivierung gepraegt. Die Strasse schlaengelt sich durch gewaltige Reisterrassen, bestellt von der ethnischen Minderheit der Yao in ihrer wundervoll farbigen Kleidung und den lampenschirmaehnlichen Kopfbedeckungen. Kleine Haueschen aus graubraunen Lehmziegeln schmiegen sich an die steilen Haenge und immer wieder zeugen Baustellen von der Gigantomanie chinesischer Infrastruktur-Projekte. Da werden bis zu zehnspurige Schnellstrassen durch die Berge gesprengt, Hochtrassen und Tunnel fuer Hochgeschwindigkeitszuege gebaut und, weil es gerade so viel Spass macht, jede Menge Staudaemme errichtet. Zurueck bleiben kleine, nunmehr ruhige Strassen, ideal fuer unsere Zwecke und eine zernarbte Landschaft.

Die Verstaendigung ist nicht gerade einfach. Keiner spricht englisch und unsere muehsam erlernten Brocken Mandarin ernten hier im Sueden Chinas oft nur fragende Blicke. Aber es ist definitiv einfacher als in Vietnam und jede erfolgreiche Vermittlung unserer Wuensche gibt uns neuen Auftrieb, noch mehr Phrasen und Vokabeln zu pauken… Bei dieser Gelegenheit entdecke ich im Woerterbuch, dass „kuanggong“ sowohl fuer „Bergmann“, als auch fuer „blaumachen“ steht! Darueber sollte man mal nachdenken.

In Jianshui beschliessen wir einen Zwischenstopp einzulegen, um uns das wundervolle Staedtchen mit seiner noch immer auffindbaren alten Architektur, dem sagenhaften Essen und entspannten Menschen nicht entgehen zu lassen.

Kurz vor Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, durchfahren wir eine staubige, trostlose Plastikwelt. Die hier ansaessigen Farmer ziehen im grossen Stil Blumen, in Gewaechshaeusern aus Folie, um der riesigen und stetig wachsenden Nachfrage im Lande gerecht werden zu koennen. Ueberhaupt sind die Vororte um die grossen und groesseren Staedte etwas vom gruseligsten, was man sich so vorstellen kann. Extrem staubig und dreckig schrecken sie potentielle Besucher schnell ab. Grosse Industrieanlagen rangeln um die besten Plaetze, die Schornsteine erbrechen russigen und schwefeligen Qualm in die Luft, Steinbrueche und Kiesgruben hinterlassen unschoene Wunden in den Landschaften und gleich nebenan entstehen modernen Hochhaussiedlungen, die momentan noch niemand bewohnt – Schoene neue Welt!

2. KUNMING

Kunming stoesst uns erstmal vor den Kopf. Geschlagene 7 Stunden verbringen wir damit, eine (auch preislich) annehmbare Unterkunft fuer uns und unsere staehlernen Begleiter zu finden. Alle kleineren und preiswerten Hostels lehnen uns ab. Warum? Ganz klar – sie duerfen nicht. Wieso? Auch klar – wir sind Auslaender – und die haben in staatlich lizensierte und unverschaemt teure Hotels zu gehen. Doch was lange waehrt wird endlich gut und so findet sich dann doch noch etwas, wo sich nicht alle Besucher der Stadt uebereinander stapeln und was auch kein allzu grosses Loch in die Reisekasse reisst. Um die Ecke gibt es Ess-Stuben in Huelle und Fuelle, was besonders mich und meine angespannten Nerven sehr besaenftigt! Eine Woche haben wir nun Zeit, alles zu besorgen und zu organisieren, was fuer die kommenden Monate notwendig erscheint. Die Folge sind ausgedehnte Fussmaersche durch das Zentrum der extrem westlich anmutenden Glitzer-Metropole, von Outdoorladen zu Fahrradladen zu Apotheke, Zahnarzt (ganze 2 Euro fuer 20 Minuten Check und 2 Euro fuers Roentgen), Souvenirmarkt und immerwieder Ess-Stuebchen. Auch das von unserem Freund Nico aus Deutschland zugesandte Paket mit den Wintersachen findet sich dank der Hilfe von Peter und Monique, zwei Englisch-Lehrern deren Adresse wir freundlicherweise benutzen durften, ein. Einen Tag nach unserer Ankunft konnten wir unseren ersten Hochzeitstag feiern – mit Pizza vom Franzosen und Wein aus China.

Nach den Bildern gehts weiter im Text….

Farben

3. Auf nach Dali

Packen und weg. Endlich geht es weiter. Wir fahren, nachdem wir den ersten Tag wieder mit den oben beschriebenen Bedingungen in den Vorstaedten zu kaempfen hatten, durch das schoene laendliche Yunnan in Richtung Dali. Hier kann man einen Gang zureuckschalten – zum einen ist das Leben weniger hektisch als in der Stadt, zum anderen liegt nun wieder der ein oder andere Huegel im Weg.

Immer wieder muessen wir die Strassen mit unerwartet vielen LKWs teilen, die sich erstaunlich langsam die bis zu 2500m hohen Paesse hinauf quaelen und uns dabei die Lungen verpesten. Wird die Strasse schlechter, verschwinden sie und wir sind allein mit den herrlichen Ausblicken in saftig gruene Taeler, auf nun weiss getuenchte Bergdoerfer und einem zerbroeselten Strassenbelag, der diesen Namen nicht verdient – „Belag“, das klingt noch relativ eben, aber das, was wir vorfinden erinnert stark an einen Steinbruch oder den Blick durchs Mikroskop auf Grossmutters Streuselkuchen.

Am letzten Abend vor Dali landen wir bei einer chinesischen Familie, die uns mit an ihren Abendbrottisch bittet. Den Ehrenplatz (und die damit verbundenen (Un)annehmlichkeiten) neben dem alternden Familienoberhaupt bekomme ich zugewiesen. Die Privilegien bestehen darin, dass ich mir mein Essen nicht selbst nehmen darf, sondern die in chinesischen Augen „besten“ Stuecke des dampfenden Fleischtopfes vom Grossvater zugewiesen bekomme und wir beide auch die einzigen sind, welche diese anatomischen Kuriositaeten mit Hochprozentigem herunterspuelen duerfen.

Nach dem Essen sitzen die Maenner gemuetlich bei Rauchwerk, Tee und Sonnenblumenkernen zusammen und versuchen, waehrend die Frauen den den Maennern eher unangenehmen Dingen nachgehen, sich gegenseitig verstaendlich zu machen. Da sich auch bei sehr sehr lautem Wiederholen ein und desselben Satzes kein messbarer Verstaendigungs-Erfolg einstellen will, versucht man erst mit Hilfe chinesischer Schriftzeichen, spaeter dann mit dem kleinen gelben Langenscheidt, sein Anliegen verstaendlich zu machen. Zum Schluss einigen wir uns auf die Formel: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ und fahren sehr gut damit.

In Dali erwarten uns, nun bereits zum sechsten Mal auf dieser Reise, unsere Freunde Gabriel und Kyoko, dem geneigten Leser bereits zur Genuege vorgestellt. Zusammen hatten wir eigentlich vor, im nahen Shaolin-Kloster einen Tai-Chi-Kurs zu absolvieren. Nach dem langen Anstieg in flimmernder Hitze betreten wir das herrlich ruhige und kuehle Reich der Moenche – ein Rueckzugsort ganz nach unserem Geschmack. Leider schmecken uns das zwei Seiten lange Regelwerk, die soldatische Klosterordnung, und die anfallenden Kursgebuehren  weniger. So bleibt also Zeit, das saekulaere Leben bei ausreichend Schlaf und Futter in Dali zu geniessen.

Vom urspruenglichen Charakter der alten Hauptstadt Yunnans ist dank des chinesischen Massentourismus kaum etwas uebrig geblieben. Eine anhaltende Renovations-Wut erschafft einen nagelneuen Altstadt-Nachbau, komplett mit Stadttoren und Stadtmauer. Besagte Besucher werden mit Elektrovehikeln durch die Stadt gekarrt und von historisch-kostuemierten Damen unterhalten.  Trotzdem versprueht die Stadt eine herzliche Atmosphaere und vermag dank der Lage zwischen dem riesigen Erhai-See und den zum Teil noch mit Schnee bedeckten Spitzen der bis zu  4000m hohen „Jadegruenen Berge“ zu beeindrucken.

Nach den Bildern gehts weiter im Text….

Laendliche Idylle

4. Von Dali nach Shangri-la

Ein erneuter Abschied von unseren lieb gewonnen Freunden folgt und wir sind wieder zu zweit unterwegs. Aufgrund aufkommenden schlechten Wetters entscheiden wir uns, nicht ueber die Berge Richtung Lijiang, sondern im tief eingeschnittenen Tal des Jangtsekiang auf nur 1800m Hoehe zu radeln. Ab der „Grossen Biegung von Shigu“ folgen wir dem drittlaengsten Strom der Welt fuer einige Tage. Das Tal ist dicht besiedelt und kultiviert, das Radfahren erfordert so wenig Energie wie schon lang nicht mehr, das Auge saettigt sich an Fetzen blauen Himmels, grauen Wolken, tuerkisfarbenem Wasser, sonnengelben Rapsfeldern und hochaufragenden, graubraunen Felswaenden. Die Szenerie aendert sich hinter jeder Kurve, und um so weiter wir nach Norden vordringen, desto deutlicher wird die Tatsache, dass wir uns nun im tibetischen Kulturraum befinden. Die blendend-weissen Stupas, oder Choerten, haeufen sich, bunte Faehnchen flattern im Wind und aufgrund des tibetischen Neujahrsfestes werden wir immer wieder von festlich gekleideten Frauengruppen zum Anhalten genoetigt und bekommen, gegen eine freiwillige kleine Spende, weisse Tuecher um Lenker und Haelse geschlungen und frisches Obst und starken Reisschnaps als Wegzehrung gereicht.

Fuer den letzten Anstieg nach Shangri-La brauchen wir diese Staerkung allerdings auch dringend. Von knapp 1900muM geht es bis auf die Passhoehe vor der Stadt, auf 3600muM hinauf, ganze 1700 Hoehenmeter verteilt auf 40km – eine herrliche Kletterei! In der zweiten Haelfte erwarten uns Schotterpiste, LKW-Verkehr und aufkommender Schnee, um das Ganze noch ein wenig reizvoller zu gestalten. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit rumpeln wir schliesslich in die Altstadt von Shangri-La.

Ein paar interessante Winkel gibt es zu entdecken, die Huegel in der nahen Umgebung bieten fantastische Ausblicke in dramatischem Licht. In der Stadt selbst bleibt wenig zu tun. Hauptattraktion duerften wohl die Souvenir-Laeden und die unueberschaubare Menge an gut sortierten Outdoor-Laeden sein. Allerdings halten wir unserem Stammladen OUTDOORWORKS. de unbedingt die Treue!!!

Das Wetter verschlechtert sich nun zunehmend und wir warten in unserem ungeheizten Zimmer, eingemummelt in unsere Schlafsaecke, bei ausgedehnten Spaziergaengen durch Stadt und die Umgebung  oder im nahen Noah’s Cafe am Ofen sitzend noch ein paar Tage ab, um die Weiterfahrt nach Litang zu wagen.

Wir haben also genug Zeit, um in den lokalen Ess-Stuben heissen Yak-Tee zu schluerfen und den Einheimischen beim Essen zuzuschauen, was noch immer zwiespaeltige Gefuehle bei uns ausloest. Tischsitten, die wir aus dem westlichen Kulturkreis gewohnt sind, werden hier ad absurdum gefuehrt. Gelegentliches Furzen, unnachahmliches Rotzen, genuessliches Spucken, geraeuschvolles Schmatzen und den Tisch als Schlachtfeld hinterlassen – hier mag uns das Anpassen noch nicht so recht gelingen. Doch wir arbeiten daran!

Ja, auch hier gilt: Nach den Bildern gehts weiter im Text….

Zuzka posiert

5. Eine Tagesuebersicht ueber Jensers Hauptbeschaeftigung, wenn wir mal nicht radeln: Das Essen

Der Morgen beginnt mit einer wirklich fantastischen Nudelsuppe, gross, wuerzig und mit Nudelbreite nach Wahl = 0.40 Euro

Das zweite Fruehstueck sind zum Beispiel suesse Baotzi, gedaempfte Hefekloesse mit einer Zucker-Erdnuss-Fuellung. Drei Faustgrosse gibts fuer rund 0.10 Euro.

Um die Mittagszeit herum wird es schwierig – zu viel Auswahl! In mannshohen Regalen werden die zur Verfuegung stehenden Gemuesesorten ausgestellt, im Kuehlregal verschiedenste Sorten und Darreichungsformen an Fleisch, Fisch, Eiern, Tofu und Unidentifizierbarem. Man deute nun mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf seine Auswahl und beachte dabei, das pro Wahl ein Gericht kreiert wird – da wird nicht gemixt! Fuer ein fleischloses Gericht wird zwischen 0.60 und 1.00 Euro berechnet, muss ein Tier sein Leben lassen, so faellt das mit 1.00 bis 2.00 Euro ins Gewicht. Reis gibts fuer 0.20 Euro pro Portion dazu, der Tee kostet nix.

Nun wirds langsam Zeit fuer die Zwischenmahlzeit: Eierkuchen fuer 0.30 Euro oder wieder Baotzie, diesmal herzhaft, 3 kleinere Artgenossen kosten 0.10 Euro. Da nimmt man gern auch ein paar mehr.

Der Snack meiner Wahl ist: Spiess mit kleinen, kandierten Aepfelchen oder kandierten Erdbeeren. Pro Spiess werden hierbei je nach Ort 0.20 oder 0.30 Euro berechnet.

Fuer das nun anstehende Abendessen gilt eigentlich das gleiche wie fuer die Mittagsmahlzeit.

Nach dem Abendbrot kommen als Betthupferl noch Kekse ins Spiel (0.25 bis 1.00 Euro pro Packung), oder Eis (0.15 Euro), Joghurt (am besten mit Dattel-Geschmack: 0.15 Euro pro Becher) oder frische Papaya, Ananas, Aepfel, Birnen, Mandarinen und Orangen.

Zwischendurch gibts immer wieder abgefuelltes Wasser (kost nix) und ein paar Becher teuren Instantkaffees (30 Tuetchen fuer je 200ml schlagen mit 2.50 Euro zu Buche)

An Radeltagen steht das Essen eher hintenan, ein nudeliges Fruehstueck, kleines, meist vegetarisches Mittagessen, ein etwas groesseres, Fleisch enthaltendes Abendessen und das ein oder andere Keks muessen hier ausreichen.

Und das wars jetzt! Machts gut…..

Der Norden Vietnams und Hanoi

Vietnam empfaengt uns laut und froehlich. Es wird laut geschwatzt, laut geschmatzt, laut gehupt. Die Menschen sind nicht mehr freundlich distanziert, wie in Laos, sondern freundlich neugierig, zupfen uns am Aermel, pieksen mir im Vorbeigehen schelmisch laechelnd den Zeigefinger in den Bauch oder zupfen andaechtig an meinem Bart herum.

Wieder begleiten uns „Hello“-Rufe und Winken auf unserem Weg von Dien Bien Puh nach Hanoi. Der erste Fahrtag ist einer der beeindruckendsten unserer bisherigen Reise. Das Wetter meint es gut mit uns, die Sonne taucht die traumhafte Landschaft in ihren goldigen Glanz und waermt uns die Ruecken. Die Frauen der “Black Thai”, einer der vielen hier beheimateten ethnischen Minderheiten, faszinieren uns in ihren farbenpraechtigen Trachten, die hoelzernen Haeuser in ihrer ortstypischen Schlichtheit und die Reisfelder in ihrem satten Gruen.

Die Gegensaetze zwischen Stadt und Land koennten groesser kaum sein. Quietschebunte Fassaden von neo-barock verspielter, disneyhafter Architektur in den kleinen Staedten kontrastieren die Schlichtheit unbehandelter Holzfassaden auf dem Lande.

Lautes Stimmengewirr und Discomusik auf den lebendigen Maerkten, die Bilder von Holz schleppenden Frauen und Billard spielenden oder Tee trinkenden Maennern werden zu unseren taeglichen Begleitern. Auf den Strassen begegnen uns immer wieder noch funktionierende Relikte der DDR-Vergangenheit – vor allem LKWs der IFA-Modelle W50 und L60. Auch die grossen ueber die Strassen an den Ortseingaengen gespannten Banner, die Arbeiter- und Bauern- Reliefs, Plakate mit Stern, Hammer, Sichel und gluecklich laechelnden Buergern wecken Erinnerungen in uns…

Die darauf folgende Woche taucht uns in weiss-graue Watte, stetiges Auf und Ab durch nass-kalte Wolken macht die Kleidungsfrage kompliziert – wir bewegen uns irgendwo zwischen Frieren und Schwitzen, eine ideale Kleider-Kombination laesst sich nicht finden. Die Landschaft erahnen wir immer wieder bruchstueckhaft. Die heisse Nudelsuppe am Wegesrand wird dreimal taeglich zum willkommenen Aufwaermer. Die Sehnsucht nach Hanoi wird immer staerker, auch wenn wir die Fahrt trotz teilweise recht widriger Bedingungen sehr geniessen. Die Menschen, denen wir begegnen, nehmen uns sehr freundlich auf, immer wieder werden wir ans waermende Feuer im Seitengraben, zu einem Glaeschen Tee oder zu einem Schluck starken Reisschnaps’ geladen.

Die Vororte Hanois lassen nichts Gutes erahnen, die Fahrt ins vollkommen verstopfte Zentrum wird zu einer massiv adrenalinlastigen Angelegenheit. Kleine unvermeidbare Rempeleien zwischen den Mopedfahrern fuehren immer wieder zu Pruegeleien zwischen den Beteiligten und einigen Zuschauern. Endlich angekommen, werden wir tatsaechlich gezwungen, die Bikes putzen zu lassen, um sie dann endlich im Raum unseres Gasthauses verstauen zu koennen. Soo viel dreckiger als unsere Unterkunft sind sie ja auch nicht…..

Hanoi ist einfach grosses Kino. Enorm viel zu sehen, immer in Bewegung, immer laut, extrem vielseitig. Und jeder ist an unserem Geld interessiert – mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Sonst Programm wie immer: Fahrradladen suchen (ohne Erfolg), Kaese finden (teuer und lecker), essen (nicht immer voll identifizierbar), schlafen (viel zu lang) und andere Radfahrer treffen (informativ, lustisch und recht bierlastig). Diesmal mit dabei sind Veronika und Matthias aus Deutschland,seit ereignisreichen 28 Monaten unterwegs mit Kanu und Fahrrad, zum zweiten Mal treffen wir auf den heldenhaften Andi aus St. Gallen und dann stoesst auch noch der Roli vom Bodensee zur illustren Runde.

Gemeinsam feiern wir ins Jahr der Katze, am  Neujahrsfest Tet Nguyen Dan und schauen uns den recht waechsern wirkenden Ho Chi Minh in seinem glaesernen Sarg an.

Die Zeit der Bummelei ist endlich vorbei. Fuer uns startet jetzt die lange Fahrt nach und durch China. Von dort aus werden wir wohl weniger Gelegenheiten haben, euch an unseren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Doch ab und an wird wohl die ein oder andere Nachricht aus dem Reich der Mitte durchsickern…. Lassen wir uns ueberraschen.

Und hier die Fotos unserer Fahrt durch den Norden Vietnams

Aufm Weg

Und die des Aufenthalts in Hanoi

Ueber den Daechern der Hauptstadt

Durch den Nordosten Thailands und den bergigen Norden Laos’ nach Vietnam

Rainers Land – Der Nordosten Thailands

Wir fliegen nur so dahin. Der nordoestliche Teil Thailands ist flach und nicht gerade wohlhabend. Genau aus diesem Grunde, gehen viele der jungen und nicht mehr ganz so jungen Frauen in die Touristen-Hochburg Pattaya, zum Frisieren, Massieren, Putzen, Verkaufen und Angeln. Hat dann endlich einer der betagten weissen Herren angebissen, geht es mit ihm und seinem Geld zurueck in die Heimat – seine oder ihre.

So kommt es, dass wir auf unserer sonst recht unaufregenden Fahrt entlang des Mekongs immer wieder auf nette Herren mit Bauchansatz (oder etwas mehr) und graumeliertem Haar (oder etwas weniger) treffen. Unter ihnen der Deutsche, Rainer. Seine Frau serviert uns im eigenen „Deutschen Restaurant“ einen fantastischen Teller Bratkartoffeln, Spiegelei und Weisskrautsalat, waehrend er uns ueber das Leben in dieser Ecke der Welt und deren Bewohner aufklaert:

„…Ich empfange auf meinem Fernseher 21 deutsche Sender, und damit meine ich nicht die Deutsche Welle, nee, RTL, PRO 7 und so. Ohne die waere ich schon laengst weg hier…“

„…Unter den Deutschen hier, dass kannst du vergessen. Nur Neid und Zank…“

„…Tagsueber ist auf dem Fluss (Mekong) ja nix los. Aber nachts, da mussde mal guggen – da geht die Post ab. Drogenhandel und so. Kommt alles von Laos rueber…“

„…Letztens waren wir essen, unten am Mekong. Da strandete eine schwarze Muelltuete am Restaurant. Die Leute haben damit rumgespielt und reingestochert. Was drin war? Ein Farang. (Ein Weisser.)…“

„…Hier, unser Nachbar hat ne illegale Spielhoelle im Haus – die Polizei kassiert monatlich 50.000 Baht. Dafuer passiert dann auch nix…“ (rund 1250 Euro)

„…Thais? Die egoistischsten Leute die ich kenne. Und faul sind die. Zum Wegrennen. 5 Jahre bin ich nun hier – Sachen koennt ich erzaehlen, da schlackerste mit den Ohren…“

Wir geniessen unsere letzten Tage in Thailand, vor allem noch einmal das grossartige Essen und die unaufgeregte Atmosphaere in diesem touristisch vernachlaessigten und wohl auch weniger interessanten Teil des Landes. Der Mekong fliesst traege dahin, der Wasserstand ist niedrig und im fruchtbaren Uferschlamm entstehen gruenende Gaerten und Tabakfelder. Es wird merklich kuehler und die Sandalen-Tage sind nun auch fuer uns langsam vorbei.

Durch beruehrte, unberuehrte und beruehrende Gegenden in Laos‘ Norden

Ueber die Freundschaftsbruecke I ueberqueren wir den Mekong in Richtung Laos. Die Bruecke ist fuer motorisierte und unmotorisierte Zweiraeder offiziell gesperrt, aber eine Alternative gibt es nicht. So werden wir einfach durchgewunken und hinter uns die Bruecke gesperrt, bis wir die andere Seite sicher erreicht haben. Rote Fahnen mit Hammer und Sichel, Schueler in Uniformen, mit Kaeppi und roten oder blauen Halstuechern empfangen uns in der Hauptstadt Vientiane. Vor allem aber vollkommene Orientierungslosigkeit. Geschlagene zwei Stunden irren wir umher, bis wir ein preislich annehmbares Gasthaus finden und uns einrichten koennen.

Es weihnachtet sehr. Und wie laesst sich das Fest weit entfernt der Heimat am ertraeglichsten gestalten? Wir haben das Glueck, auf die beiden Dresdner Radler Kerstin und Jens, und den St. Galler Velohelden Andi zu stossen, mit denen wir zusammen ein paar sehr ruhige Tage lang nichts machen… Die drei sind vor einigen Monaten in ihrer jeweiligen Heimat losgefahren, und nun kreuzen sich auch unsere Wege. Wieder einmal zeigt es sich, dass der von uns eingeschlagene Weg, in die Gegenrichtung, so verkehrt nicht ist: Die Drei wollen das Gesamtgewicht ihrer Bikes reduzieren und somit kommen wir wieder einmal in den Genuss warmer Jacken, Muetzen, nicht mehr ganz frischer, aber dicker Socken, Handschuhe, einer Thermoskanne und nuetzlichen Kartenmaterials. Soviel zu den Geschenken, dachten wir. Aber es sollte noch besser werden! Wider aller Geruechte und Behauptungen gab uns die Chinesische Botschaft ohne viel Federlesens ein 3 Monate gueltiges Visum fuer China!!! Formular ausfuellen, ein Foto draufkleben, 1, 3 oder 6 Monate ankreuzen, 4 Tage warten, 32 US-Dollar pro Nase berappen und fertsch! Ha, so faellt uns ein Stein vom Herzen, brauchen wir uns nun in China nicht mit Verlaengerungen und einem noch knapperen Zeitplan herumschlagen… Ohh, du froehliche!!!

Weiter gehts Richtung Vang Vieng, einer der wohl zu Recht verschriensten Ansammlungen lebenslustiger junger Menschen im ewigen „Spring Break“-Fieber. Mehr oder weniger entspannt lehnen wir uns zurueck und beobachten amuesiert und entsetzt zugleich das Treiben um uns herum, erfreuen uns aber dennoch der reichlichen Auswahl an guenstigem, leckerem Essen, des guten Lao-Bieres und der spartanischen Bambushuette vor fantastischer Bergkulisse. Jedem das Seine. Am Silvesterabend sitzen wir mit den Maennern der laotischen Bungalow-Besitzerfamilie, einem deutschen Heavy-Metal-Freak, und einem ebenso deutschen Liedermacher mit seiner Gitarre und selbstgebranntem LaoLao (Reiswhisky) ums Lagerfeuer und lassen die Gedanken schweifen… Ein neues Jahr voller Bewegung, Begegnungen und Ungewissheiten lockt!

Doch erstmal heisst es, Termine einzuhalten. Wir sind mit Gabriel und Kyoko in Luang Prabang verabredet.  Der Weg dorthin ist nicht steinig, aber steil. Ploetzlich finden wir uns auf schweisstreibenden Anstiegen wieder – absurder Weise hatten wir uns regelrecht darauf gefreut. Nun duerfen wir bis zu 2000 Hoehenmeter pro Tag in Angriff nehmen, dafuer aber auch beeindruckende Aussichten geniessen. Das laesst erahnen, was uns in den naechsten Monaten so bevor steht – stundenlanges Bergauffahren, nur um in wenigen Minuten die Hoehenmeter wieder zunichte zu machen.

Entlang der Strasse faedeln sich staubige Berdoerfer mit Bambushuetten, kleinen Schweinchen, einer Unmenge an Hunden und armlich gekleideten Menschen, die vor kleinen Feuerstellen hocken, Waesche waschen, Matten flechten oder kochen, auf. Die Kinder strahlen uns mit einem unglaublich herzerwaermenden Laecheln an, winken und rufen „Sabaidii“ (Hallo) oder „Falang, Falang“ (Weisser Auslaender).

Immer wieder stossen wir auf Familien, die auf den steilen Haengen, Teile des riesigen Schilfrohrs ernten, welches hier wie Unkraut wuchert. Dies wird direkt am Strassenrand weiterverarbeitet – die Samen ausgeklopft und die Bueschel zum Trocknen ausgelegt. Danach bringt ein Kilo-Buendel umgerechnet 50 Cent. Ein junger Mann schafft rund 8 Kilo am Tag. Aehnlich Flachs oder Hanf wird dieser Rohstoff in Vietnam und Thailand zu Textilien weiter verarbeitet.

Nie haben wir soviele Radler getroffen wie in den letzten beiden Wochen. Ganze Gruppen werden hier von Guides ueber die Berge getrieben, die meisten allerdings sind ganz individuell unterwegs, das bezaubernde Laos mit seinen netten Bewohnern zu erradeln…

Umso hoeher wir kommen, desto kaelter wird es. So freuen wir uns riesig, eines Abends eine warme Quelle am Rande der Strasse zu finden. Wir machen Halt und lassen uns neben den Dorfbewohnern ins wohlig warme Wasser gleiten…

In Luang Prabang stossen wir schliesslich, mittlerweile zum fuenften Mal, auf Gabriel und Kyoko – gerade rechtzeitig, um in Gabs Geburtstag reinfeiern zu koennen. Am naechsten Tag kommen noch Astrid und Mewes aus Erfurt und Wolfgang aus Muenchen hinzu, alle drei auf dem Rad-Weg von Daheim in die Welt.

Das herausgeputzte und recht beschaulich wirkende Staedtchen bietet uns fuer ganze 8 Tage Unterschlupf, Nahrung und eine lustige Zeit mit unseren beiden Freunden. Letzten Endes muessen wir allerdings weiter. Da hilft alles nichts. Auch kein Durchfall. Die Zeit verrinnt unaufhaltsam und das Visum laeuft langsam aus. Die naechsten drei Tage verbringen wir nun zu viert in den Saetteln, bis sich unsere Wege in Oudomxai schliesslich wieder trennen – die Beiden radeln weiter nach China, wir waehlen den Umweg ueber das uns noch unbekannte Vietnam.

Doch dorthin zu kommen erweist sich als kraeftezehrende Angelegenheit. Erst vor Kurzem wurde der Grenzuebergang geoeffnet und eine befestigte Strasse existiert auf den letzten 70 Kilometern bis zum Uebergang nicht mehr. Dafuer finden sich umso mehr Berge, die rumpelnd bezwungen werden wollen. Fuer die 100km des letzten Laos-Tages brauchen wir 11 Stunden und jede Menge Kekse. Nach 2000 Hoehenmetern erreichen wir den hoechsten Punkt und damit die Grenzstationen. Da wir die einzigen Menschen weit und breit sind, gestaltet sich der Uebertritt recht unproblematisch, wenn auch nicht ganz so schnell wie erhofft, da sich jeder uniformierte Vietnamese, und das sind viele, auf uns stuerzt, um unsere Papiere zu ueberpruefen oder uns, in aller Heimlichkeit, fuer einen schlechten Kurs (fuer uns) Geld tauschen zu wollen. Computer scheint es hier auch nicht zu geben – so werden unsere Angaben im ersten Amtszimmer von einem Mann in gruener Uniform fein saeuberlich per Hand in ein riesiges Buch eingetragen, im zweiten Zimmer wiederholt sich die Prozedur – nur ist die Uniform des Beamten diesmal blau. Vorbei geht es an einer riesigen Statue Ho Chi Minhs und wir sind in Vietnam. Langsam wird es dunkel, unsere kleinen Kopflampen werfen einen klaeglichen Schimmer auf den schlechten Asphalt, neben uns donnern die Sprengungen in den Steinbruechen und endlich geht es bergab, runter, weg vom Berg. Ausgehungert, ausgekuehlt und erschoepft erreichen wir Dien Bien Puh. Es lebe die vietnamesische Nudelsuppe!!!

Silvester in Vang Vieng

Muang Kuah

 

 

Kinderland

Schon an der Grenze bemerkt man, dass Kambodscha etwas anders ist. Definitiv staubiger. Noch definitiver: aermer. Zerlumpte Kinder ziehen und schieben an schwer beladenen Holzkarren, Familienvaeter kurbeln, aus Ermangelung an Beinen, mit blosser Armkraft die gesamte Familie auf antik anmutenden Wagen vom Markt zurueck nach Hause. Waeren da nicht die Pickups mit thailaendischen Kennzeichen, die VIP-Touristenbusse auf dem Weg von Bangkok nach Siem Reap und die glitzernden Spielcasinos entlang der Strasse, man koennte meinen, man haette eine Zeitreise unternommen…

Wir fahren wieder rechts. Die von den Thais frisch geteerte Strasse sticht schnurgerade durch Reisfelder und aermliche Siedlungen bis zur 50km entfernten Kreuzung – ein Ort namens Sisophon. Duester, staubig und unfassbar freundlich. Selten erleben wir so viel aufrichtige Freude ueber unser Erscheinen. Das mag etwas ueberheblich klingen, aber wir haben tatsaechlich den Eindruck, dass die Leute froh sind, dass jemand ihr Land, ihre Stadt, ihr Dorf besucht. Es wird freundlich gewunken, die Menschen laecheln und sprechen uns an – hoeflich, ein wenig neugierig, vollkommen unaufdringlich. Ein bisschen erinnert mich die Szenerie an die Nachwendezeit in der DDR, als mein Cousin Rene und ich einen Teil unserer Freizeit damit verbrachten, den durch Zwickau fahrenden Autos mit westdeutschen Kennzeichen zuzuwinken. Einfach so. (Wir waren ja noch jung)

In Battambang, der mit lediglich 100.000 Einwohnern schon zweitgroessten Stadt des Landes, legen wir ein paar Tage Pause ein. Von hier aus wollen wir eigentlich mit dem Boot ueber Fluss und See nach Siem Reap, zu den Tempeln um Angkor Wat, fahren. Das ist fuer unser Budget allerdings definitiv zuviel und so entscheiden wir uns, zu radeln. Doch zuerst wollen wir die Umgebung der Stadt erkunden. Wir stossen auf Sambat, Englisch sprechender Tourfuehrer, Geschichtsbuch und Tuktuk-Fahrer in Personalunion, und heuern ihn fuer einen ganzen Tag. Das hilft beiden Seiten. Wir sehen und erfahren dabei definitiv mehr, als bei einer Erkundung auf eigene Faust und er kann seine Familie ernaehren.

Das dies hier nicht die Regel ist, kann man jeden Abend in der Stadt sehen. Horden von Kindern und Jugendlichen, dreckig und abgerissen, wuehlen sich durch die Muellhaufen an den Strassen, betteln um Essen an den wenigen noch geoeffneten Restaurants und schnueffeln Leim.

Kambodscha ist ein von der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, von Buergerkrieg und Korruption gebeuteltes Land. Das aermste in Suedostasien. Eine der juengsten Bevoelkerungen weltweit. Die Haelfte der Bevoelkerung ist unter 15 Jahre alt. Alte Menschen eine Raritaet. Auch heute noch werden jedes Jahr hunderte von Menschen von Landminen zerfetzt oder verstuemmelt.

Doch erscheint der Optimismus der Menschen ungebrochen (oder frisch erwacht). Eine erstaunliche Lebensfreude und Aufbruchstimmung ist spuerbar. Hier wird nicht lamentiert – hier wird angepackt – hin zu einem besseren Leben. Bildung wird sehr ernst genommen. Anders als in Thailand, sprechen viele Menschen englisch mit uns. Tourismus heisst Hoffnung. So kommt Geld ins Land.

Auf dem Weg nach Siem Reap kommen wir noch einmal nach Sisophon. Hier bleiben wir im Haus von Khamler und seiner Mutter, die wir beide schon beim letzten Besuch kennen gelernt hatten. Es ist das einzige „Homestay“ in der Stadt, genannt „Bambous Guesthouse“, welches auf private Initiative einer Franzoesin, Francoise, zustande kam und Khamler und seiner Familie eine Zukunft giben soll. Aus eigener Kraft waere dies finanziell nicht moeglich gewesen. Wir verbringen einen interessanten Abend mit Francoise, Khamler und seinen Freunden, diskutieren ueber die Zukunft des Landes, Hilfsorganisationen, Bildungssysteme und Tourismus in all seinen Facetten. Nun heisst es fuer die „Bambous-Leute“ vor allem, Gaeste zu finden.

Vor dem naechsten Stopp habe ich ein wenig Bammel. Nicht viel Gutes hoert man ueber Siem Reap. Massentourismus in Reinform, was auch immer man darunter verstehen mag. Einmal dort, kann ich dem Ort durchaus Positives abgewinnen. Sicher, es ist nicht Durchschnitts-Kambodscha – eher eine bunte Insel im grossen gruenen Meer der Reisfelder. Doch man erwartet auch nicht unbedingt Authenzitaet von einem Ort, der jaehrlich mehr als 2 Mio. Besucher anzieht. Jeder davon mit eigenen Vorstellungen von Urlaub, eigenen Wuenschen und Beduerfnissen. Hier gibt es die Ballermann Suffkoeppe, genauso wie die Stuidiosus-Bildungsreisenden, die Luftballon-an-niedliche-kleine-Kinder-Verschenker, Neu-und-Alt-Hippies, Backpacker, Luxushotel-Logierer, stinkende Radfahrer und viele mehr. Dafuer, das diese unterschiedlichen Mentalitaeten hier alle aufeinander prallen, geht es erstaunlich ruhig und gesittet zu, auch wenn man sich ab und zu ein wenig „fremdschaemt“. Aber wer weiss, wer sich alles ueber uns aufregt? So wie wir rumlaufen?? So wie wir nach einem heissen Tag auf den Raedern riechen??? „Angenehmes, gepflegtes Erscheinungsbild“ trifft es wohl nicht. Und Arbeiten tun wir auch nicht? Also, entweder sind wir superreich oder asozial….

Den Besucherstrom verdankt Siem Reap den nahe gelegenen Tempeln von Angkor, Weltkulturerbe seit 1992. Nun haben wir von Tempeln, neuen, alten, buddhistischen, hinduistischen etc. eigentlich die Nase gestrichen voll. Allerdings wollen wir uns diese welweit einzigartige Gelegenheit nicht entgehen lassen, blaettern brav die atemberaubenden 20 US-Dollar (pro Person und Tag, ahh!) auf den Tresen und entdecken, zusammen mit unseren treuen Drahteseln, jahrhundertealte, maerchenhafte Ruinen in einer parkaehnlichen Anlage. Unser Liebling ist allerdings nicht die hoffnungslos ueberlaufene Hauptattraktion, Angkor Wat, sondern der „Dschungeltempel“ Ta Prohm.

Unser Weg fuehrt uns nun nach Norden. Zurueck nach Thailand. Ein ruhiges Fleckchen Erde bis zur Grenze. Doerfer, Kuehe, Reisfelder, viiele Kinder, Minen-Warnschilder. Die Grenze von Choam ist oben, auf einer der wenigen, dafuer steilen Erhebungen weit und breit. Wir sehen Baustellen fuer Casinos, eine blockierte Strasse – aber keinen offenen Uebergang. Also immer den Einheimischen hinterher. Ueber eine rote Staubpiste, gesaeumt von Verkaufsstaenden, rumpeln wir auf ein paar palmgedeckte Ueberseecontainer zu, welche tatsaechlich Grenzbeamte beinhalten! Sehr vertrauenserweckend. Doch alles kein Problem. Souveraen aus- und eingecheckt rollen wir nach 15 Minuten wieder links…

Im Dorfe

Staub in den Augen, Staub auf der Zunge, Staub im Haar. Ganz offensichtlich naehern wir uns Bangkok. Und ploetzlich sind wir da. Lange als weit entferntes Etappenziel im Kopf, sind wir nun mittendrin im erstaunlich gesitteten Verkehr des Grossstadtdschungels. Nach zwei schlaflosen Naechten in einem der zahllosen Backpacker-Party-Hotels, ganz nah der beruehmt-beruechtigten KaoSan Rd.,  fanden wir im Gewirr kleiner Gassen unseren “Ort der Ruhe” bei einer Thai-Familie, die Teile ihres Zuhauses an Gaeste vemietet, diese auch bekocht und sich bei Bedarf um die Waesche kuemmert. Ganz wichtig fuer uns: Den ganzen Tag lang weht frischer Kaffeeduft durchs Haus! Jeden Morgen werden wir von Frau Ellen begruesst, einer ruestigen Deutschen Anfang 70, die seit 15 Jahren durch Asien strolcht und keinen einzigen Gedanken an eine Rueckkehr in die alte Heimat verschwendet.

Die Zeit in Bangkok ist erholsam und anstrengend zugleich. Immer ist etwas zu tun oder zu erledigen, die Busfahrten quer durch die Stadt dauern ewig, die Luft ist schlecht. Wir besorgen Visas fuer die naechsten Reiselaender (Kambodscha, Laos und Vietnam), verfallen einem geplanten Kaufrausch und kuemmern uns um die Bikes. Ein neues Vorderrad fuer mich reisst ein kleines, ungewolltes Loch in die Reisekasse, sieht aber schoen aus. Neue Reifen und Schlaueche bekommen wir von Schwalbe direkt aus Deutschland geschickt – nachdem wir von ihnen ins Testfahrer-Programm aufgenommen worden sind, kostet uns das auch keinen mueden Pfennig.

Ein wenig tempelmuede verzichten wir weitgehend auf deren Besichtigungen und widmen uns lieber den bunten Maerkten, dem Essen und leiblichen Wohlergehen bei Massage, Sauna und Badespass. Das wir dies nicht allein unternehmen mussten, liegt an dem gluecklichen Umstand, dass sich der Weg unsere Freunde Gab und Kyoko (www.worldtripkyokogab.blogspot.com) wieder einmal mit dem Unseren kreuzte. Mit den beiden Frohnaturen vergeht die Zeit wie im Flug und nach zwei Wochen faellt der Startschuss fuer die naechste Etappe mit Hauptziel Hanoi.

Einen Radtag noerdlich von Bangkok treffen wir in der alten Koenigsstadt Ayutthaya auf Ela und Tobi (www.cycletogether.de) aus Dresden. Die beiden sind seit 14 Monaten unterwegs, zu unserem Leidwesen definitiv in die falsche Richtung! Aber sie haben viele schoene Dinge dabei, die sie durch die Steppen Kasachstans und ueber die Berge Tibets gebuckelt haben, nur um sie uns jetzt als Dauerleihgabe zu ueberlassen. So wechseln Landkarten, Ersatzteile, ein Handtuch (habe meins verschludert) und sogar eine echte Fleecejacke die Besitzer. Dank euch beiden! Nach zwei Tagen Tempel-Guggen, Info-Austausch und Fachsimpeln ist Schluss mit lustig. Abschied und Abfahrt! Und was fuer eine. Ganz ploetzlich haben wir es eilig. Das Visum fuer Thailand laeuft aus und die kambodschanische Grenze ist noch fern… Hurra, wir fliegen! Schoen waers. Der Wind meint es nicht gut mit uns, die Sonne entfaltet ihre ganze Pracht und versucht uns mit knappen +50C, ganz ohne Schatten, auf einer schnurgeraden, aber super asphaltierten Strasse, in die Knie zu zwingen. Da hilft auch das nasse Kopftuch nicht mehr viel. Um den staendig roten Haelsen ein wenig Linderung zu verschaffen, fahren wir mit den aus dem OP hinreichend bekannten Masken, der “Gesichts-Sauna” umher. Fehlt nur noch der passende Kittel und das Skalpell….. Angekommen sind wir trotzdem. Morgen gehts, wenn alles klappt, ueber die Grenze und dann koennen wir ja wieder bummeln…

Bangkoks Vorortidylle